STREETART Editorial Design / art project

STREETART Editorial Design / art project

ZIEL | Abschlussarbeit Grafikdesign 2007 zum Thema "Streetart"
ERGEBNIS | Streetart | Streetware | Fashionfotografie | Editorialdesign | Illustration | Ausstellungsdesign
INHALT |

DIE INTENTION Der urbane Freiraum Seit einigen Jahren sorgen Streetart-Aktionen rund um den Globus, vor allem in den Großstädten der westlichen Welt, für Aufsehen. Immer mehr von diesen Zeichen einzelner Personen oder auch Gruppen sind auf den Oberflächen der Städte zu sehen. Sie verwandeln leere Orte und Straßen in lebhafte, bunte Galerien. Man bleibt stehen und beginnt, an den Wänden zu lesen wie in einem Buch. Von ihren Machern und den Medien werden diese Zeichen unter dem Begriff »Streetart«, »Urban Art« oder »Straßenkunst« zusammengefasst. Es entstand in den letzten Jahren ein regelrechter Hype um diese scheinbar neue Ausdrucksweise der Straße. Die Medien, von den lokalen bis hin zu den großen Zeitungen und Magazinen, stürzten sich gierig auf dieses Thema. Radiobeiträge, Hörspiele und Dokumentationsfilme entstanden. Studenten aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen beschäftigten sich in Abschlussarbeiten und Vorträgen mit dem Thema Streetart. Durch die vielen Medienberichte und Aussagen entstand oft ein falsches Bild dieser Ausdrucksform. Viele Akteure fühlten sich durchaus missverstanden. Von der Kulturindustrie wurde Streetart sofort aufgegriffen und konsumierbar gemacht. Große Konzerne wie Nike, Diesel und MTV bedienten sich der Kommunikationsform und entwickelten daraus neue Vermarktungsstrategien. Streetart war und ist in aller Munde. Selbstverständlich nur, weil es bisher selten zu derartig massiven »künstlerischen und grafischen« Eingriffen in den Stadtraum gekommen war. Lediglich die Stadtschreiber mit ihren Graffito übertrafen und übertreffen die Intensität um einiges. Die schöpferische gestalterische Tätigkeit in, mit und auf der Straße stellt einen illegitimen Eingriff in den städtischen Raum dar. Gerade, weil derartige Aktivitäten oft privates Eigentum betreffen. Den Aktivisten bleibt allerdings wenig Handlungsspielraum. Für legitime Flächen muss meist gezahlt werden, sie stehen deshalb nur einem zahlungskräftigen und -willigen Personenkreis zur Verfügung. Die meisten Stadtbewohner werden von dieser Möglichkeit der Kommunikation ausgeschlossen. Indem sich Streetartakteure und Graffiti- Writers jedoch jene Fläche aneignen, hinterfragen sie damit implizit diese Einschränkung und bieten gleichzeitig eine Ausdrucksmöglichkeit abseits der bereits vorgegebenen, vorherrschenden Funktionen, mit denen der Stadtraum belegt ist. Der urbane Raum ist ein durchrationalisierter und funktionalistischer Raum. Die meisten Bereiche dienen entweder dem Konsum (Einkaufspassagen, Fußgängerzonen usw.) oder der Fortbewegung von einer Sphäre der Verwertung zur anderen (U-Bahn-Linien, Bahnhöfe, Straßen usw.). Die Ästhetik der zum Kauf anregenden Zeichen, wie Logos und Werbung, ist dabei omnipräsent. Sie beeinflusst das Erscheinungsbild vieler Stadträume ebenso wie das Bewusstsein ihrer Bewohner. Der öffentliche Raum wird dadurch zunehmend zur Projektionsfläche kommerzieller Zeichen und verliert damit seine Bedeutung als Kommunikationsraum seiner Bürger. Das wirft die Frage auf, inwiefern der so genannte »öffentliche« Raum überhaupt noch ein öffentlicher, also ein von Öffentlichkeit geprägter Raum ist. Die Stadt ist vom Mensch geschaffen. Immer wieder ist sie verändert, zerstört und wieder aufgebaut worden. Sie ist der Ort, an dem sich das Bewusstsein und die Wahrnehmung seiner Bewohner schulen. Aber die urbanen Räume werden zunehmend mit den immer gleichen und stereotypisierten Bildern arrangiert, die nur Klischees vermitteln. Der städtische Charakter von einst, der sich über Jahrhunderte entwickelte, wurde geplant, inszeniert und mittels urbanen Designs materialisiert. Man verschönert die Wohnhäuser, Einkaufspassagen, Parks, Büroviertel, Schulen etc. und will das Leid aus dem sichtbaren Umfeld verbannen. Sterilität und Monotonie sind die Folgen einer Stadtplanung, die kontrollierbare Räume schafft. Die erfahrbare Stadt verliert ihre Reize, synthetisiert zunehmend und desensibilisiert die Wahrnehmung der Menschen. Die Bürger einer Stadt sollten ihre Umwelt bewusst verstehen können. Nur indem sie die Stadt lesen lernen, können sie ihre passive Beobachterrolle verlassen und sich engagiert an der gemeinsamen Stadtgestaltung beteiligen. Ein urbaner Raum sollte nicht einfach nur funktionieren, vielmehr sollte er gelebt und erlebt werden. Einen Vorschlag dazu und zugleich ein Beispiel dafür bieten die Macher der Streetart, indem sie die Passanten mit ihren Bildern ansprechen. Persönlich, kritisch, dekorativ, lustig und nachdenklich können ihre Zeichen von den Passanten gedeutet werden. Die Macher der Streetart werfen unsere üblichen Wahrnehmungsweisen aus der Bahn. Sie richten sich nicht nach potenziellen Kunden, der Grund, der sie letztendlich wirkungsvoll macht. Den Akteuren kommt es darauf an, mit dem Betrachter zu kommunizieren und mit ihm zu interagieren. Dabei sind die Motive, Mittel und Techniken sehr unterschiedlich. Für die Aktivisten der Streetart ist der illegitime Aktionsraum »Stadt« ebenfalls faszinierend, weil sich hier unzählige Situationen für subversive Absichten ergeben. Die Bilder treten an unkonventionellen Stellen im urbanen Raum auf und entfalten so ihre Kraft. Nur so können sie überraschen und dadurch auch wirken. Sie sind Präsente der Macher an die Stadt und ihre Bewohner. In Galerien kann dieser Effekt nicht erzielt werden, da sie nicht von jedem besucht werden wie die Straße Die Idee | Ich habe mir tatsächlich Gedanken gemacht, ob ich mich nicht lieber arbeitslos melden soll, aber dann sah ich mich vor meinem geistigen Auge im Arbeitsamt sitzen, wie ich lange Fragebögen ausfüllen muss und von einem Sachbearbeiter dazu verdonnert werde, Rinderhälften zu tragen. Außerdem will ich mich nicht jedes Mal abmelden müssen, ehe ich einen Romantikurlaub antrete. Es ist auch nicht so, dass ich kein Geld bräuchte oder nichts zu tun hätte. Ich finde es sogar ganz erstaunlich, was ich in den vergangenen Monaten alles geschafft habe, obwohl ich offiziell Studentin bin. Somit habe ich mich dazu entschlossen, das Abschlusssemester anzutreten. Erstaunlich war nur, über was man sich in dieser Anfangsphase Gedanken macht. Oder: Warum manche Ideen doch besser Ideen bleiben sollten. In diesem Moment habe ich zum ersten Mal kämpfen müssen, am Ende mit Erfolg. Was ich nicht wollte, stand von Anfang an fest: Kein Kommerz und nichts, was ich schon gemacht habe! Es sollte ein Projekt werden, bei dem der Blick über den Tellerrand hinausgehen sollte. Das Blickfeld Grafikdesign sollte erweitert werden, und andere Komponenten im Medien- sowie Designbereich sollten zusätzlich in meine Arbeit einfließen. Nach zahlreichen unendlich verzwickten Gedankengängen kam ich auch noch zu dem Entschluss, etwas zu initiieren, was mir persönlich auch Spaß macht, etwas Kontaktfreudiges, bei dem ich Neues hinzulernen kann. Und endlich hatte ich die Idee: Ich konnte sie zwar noch nicht fassen, aber da war etwas, etwas Reizvolles. Es sollte ein Projekt werden, bei dem ich Mode, Architektur, Musik, Film, Produkt, Multimedia, Fotografie, Illustration, Kunst und Interior/Exterior-Design und Event-Design mit einfließen lassen wollte. Ich falle mit der Tür ins Haus: Es war zu viel. All dies in solch kurzer Zeit unter einen Hut zu bringen, war eine Person alleine nicht im Stande. Somit musste ich mich notgedrungen von einigen Ideen verabschieden, um den Rahmen nicht zu sprengen. Die Einsicht war stärker. Bitte! Von mir aus! Dafür wird diese Abschlussarbeit mit der heißesten Nadel gespritzt. Ich hatte das Thema. Streetart. Auslöser dafür war meine langjährige Jagd nach Bildern von Streetart, die ich in deutschen Großstädten wie Köln und Berlin finden und fotografieren durfte. Berlin würde ich in der Kategorie der Pioniere auf diesem Gebiet ganz hoch einstufen, wie ich bei meinem letzten Aufenthalt im Frühjahr, schon fast neidisch, feststellen durfte. Hier haben viele Entwicklungen ihren Ursprung und stoßen nur auf geringen Widerstand von Seiten der Stadtväter. Der öffentliche Raum nimmt hier andere Dimensionen an. Die Größe der Stadt bietet den Aktivisten den essenziellen Spielraum, um sich auszudrücken. Der Impuls der Stadt war stark. Ab da war mir klar: Ich trage mein Teil dazu bei! 

REALISATION | Erklären könnte man das so: Ich wache jeden Morgen in einem Science-Fiction-Film auf, eine halbherzige Mischung aus alten Klassikern. Die Leute leben in einer zäh vor sich hin kollabierenden Endzeitwelt mit allesfressenden Riesenkonzernen und Naturkatastrophen nonstop und flüchten sich daher in bunte High-Tech-Traumwelten, hängen quasi religiösen Starkulten an, schlucken Drogen, glauben an Vollbeschäftigung und Rente, um so schnell wie möglich das Ende des Tages zu erreichen. Als Belohnung gibt es 50 Fernsehkanäle, die freie Wahl der Klingeltöne, Spielkonsolen als Elternersatz und ein Einkaufszentrum an jeder Ecke, in dem synthetischer Abfall als Nahrung verkauft wird. Der urbane Alltag versorgt einen ungefragt mit einer Reizüberflutung an Input. Somit kam ich dann auf die Idee, die eigene Play-Taste zu aktivieren, und kam zu folgender Arbeit: Streetart zu praktizieren und dokumentieren und andere Medien- sowie Designbereiche mit in die Arbeit einfließen zu lassen. Dabei fiel meine Wahl auf den Bereich Illustration, Fotografie, Editorial und Modedesign. So kam es, dass ich Freunde und Bekannte aus meinem Umfeld spontan von meiner Idee begeistern konnte, an diesem Projekt teilzuhaben. Die Streetartgrafiken werden nicht nur von mir gestaltet, sondern auch im urbanen öffentlichen Raum ausgestellt. Da der Stadtraum meiner Ansicht nach gelebt und erlebt werden soll, sollten die Leute auf der Straße direkt mit den Arbeiten, die ihnen Anregungen geben sollen, konfrontiert werden. Der nächste Schritt des Projekts beinhaltet die Zusammenarbeit mit weiteren kreativen Personen, deren Tätigkeitsfelder in den Bereichen Mode und Fotografie liegen. Sie werden mich bei meiner Abschlussarbeit kreativ begleiten. Diese verschiedenen Medien- und Designrichtungen sollen mein Projekt auf eine andere Art und Weise darstellen bzw. untermalen, indem meine Ideen und meine Grafiken in den einzelnen Feldern aufgegriffen und letztlich nochmals dargestellt werden. Das Thema Streetart wird somit weitergeführt und lässt die kreativen Bereiche zu einer Einheit zusammenfließen, gebündelt zu einem Magazin, das den Ablauf des Projekts widerspiegeln soll.
SINN UND ZWECK | Oder: Die Kultivierung der Subkultur In erster Linie geht es um die Sensibilisierung des Betrachters und um den Einfluss der Streetart auf das Stadtbild. Ich werde den öffentliche Raum als Medium nutzen, da dieser für jeden zugänglich ist und täglich betreten und wahrgenommen werden kann. Die Menschen werden auf der Straße direkt mit meiner Arbeit konfrontiert und somit angesprochen. Durch meine Grafiken möchte ich dem Betrachter Denkanstöße vermitteln, das Umfeld aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Das Ziel ist es, Erlebnisse hervorzurufen, Emotionen zu wecken und zu motivieren. Weiter sollen Komponenten aus anderen Medien- und Designbereichen in das Projekt einfließen, um als indirektes Stilmittel zu funktionieren. Ein weiterer erwähnenswerter Effekt kommt hinzu. Als Designerin gebe ich die Form und die Ideen vor und bringe die Bereiche Mode, Fotografie und Grafikdesign in Einklang. Während meiner Recherche fiel mir auf, dass viele Personen, mit denen ich über das Thema gesprochen habe, plötzlich Lust und Spaß daran fanden, mir ihrer Ideen mitzuteilen sowie mich aktiv zu unterstützen. Das ist genau das, was ich mit meiner Arbeit erreichen möchte: »1. durch meine Grafiken mit den Leuten auf der Straße zu kommunizieren. 
»2. Freunden um mich herum den Impuls geben, bei diesem Projekt mitzumachen und Spaß zu haben, etwas in einem Team aufzubauen. Als positiver Nebeneffekt soll hier ein Austausch von Inspiration, Erfahrung und Wahrnehmung stattfinden. Was ich weiter in 
 »3. mit diesem Projekt erzielen möchte, ist das Projektmanagement und die Organisation innerhalb dieses Projekts. Es soll mich und mein Team für zukünftige Projekte stärken und den Umgang mit den Leuten und den Medien- bzw. Designbereichen lehren, mit welchen man letztendlich im späteren Job unvermeidlich konfrontiert wird. Da die Werbung im öffentlichen Raum stark vertreten ist, wollte ich auf diese Weise darstellen, dass Grafikdesign sich nicht immer nur mit kommerziellen Mitteln auszudrücken weiß. Stattdessen sollte bewusst in die gegensätzliche Richtung gehen, in der Kreativität und der Freiraum im Vordergrund stehen und nicht die Marketingstrategie, was letztlich den Grundgedanken von Streetart widerspiegelt. Wen sprechen die Kreationen an? | Um mal ein Anfang zu machen: Kreative, Chaoten, Designer, Künstler, Querdenker, politisch Interessierte, Soziale, Kulturelle, Individualisten, Rebellen. Prinzipiell soll die Arbeit das Interesse einer breiten Zielgruppe wecken, unabhängig von Alter, Einkommen und Bildungsniveau. Es herrscht reges Treiben in den Straßen, daher sollten die Werke an den gerichtet sein, der sich mit offenen Augen im öffentlichen Raum bewegt. Es soll die Leute ansprechen, die sich mit dem Thema Streetart identifizieren und ihren Teil dazu beitragen möchten. Beispielsweise hatte ich ein Gespräch mit einer guten Freundin und Kunsttherapeutin über meine Abschlussarbeit. Ergebnis: Sie startet jetzt in Zusammenarbeit mit einer sozialen Einrichtung ein Straßenprojekt, um Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße leben oder aus sozial schwachen Verhältnissen kommen. Dabei geht es darum, die Kinder und Jugendlichen an öffentlichen Plätzen der Stadt zu erreichen und durch die bereitgestellten Farb- und Mal-Utensilien die Möglichkeit zu bieten, sich im urbanen Raum auszudrücken und dadurch schließlich mit ihrem Umfeld zu kommunizieren. Wenn ich mit meinen Ideen und mit meiner Arbeit solche Gruppen erreichen kann, dabei jenen Denkanstöße gebe, um nicht zu sagen: den Stein ins Rollen bringe, um wiederum anderen schwächere Gruppen zu erreichen, dann hab ich mein Ziel erreicht und den richtigen Job als Grafikdesignerin gefunden und das ideale Thema für meine Abschlussarbeit gewählt. Die Abschlussarbeit soll nämlich die Leute mitreißen und faszinieren sowie motivieren und engagieren. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Form es umgesetzt wird, Hauptsache, die Aktiven haben Spaß und Freude damit, sind mit Herzblut dabei und bringen etwas gemeinsam in Bewegung.
 Die Kernzielgruppe des „handzahm“-Projekts, ist die besagte „Szene“. Dazu kann ein „Medium“ zählen , das diese Szene unterstützt und sozusagen „Sprachrohr“ ist, wie Beispielsweise ein Szene- bzw. Streetartmagazin. Die Erweiterte Zielgruppe ist die breite Öffentlichkeit, Jedermann; da ich im öffentlichen Raum arbeite und daraus die Spannung erzeugt wird. Warum diese Form? | Generell gehöre ich nicht zu jenen Menschen, bei denen sich im Fett verbrennenden oder Muskel aufbauenden Zustand enorme Glücksgefühle einstellen. Bin eher begeisteter Sitzer. Es gibt auch Menschen, die im Sitzen einfach besser aussehen. Aber mir war es bei dieser Arbeit wichtig, innerhalb eines Teams ein Projekt zu starten und zusammenzuarbeiten, um aus dieser monotonen Sitzposition herauszubrechen und aktiv zu werden. Oder: Was mich auch glücklich machen würde. Durch die Arbeit, die entsteht, durch die Kontakte, die aufeinandertreffen, die Kreativität, die sprudelt, der Austausch, der stattfindet, die Erfahrungen, die gesammelt werden, die Emotionen, die entstehen, würde ich mir wünschen, den Anfang von etwas Besonderen geschaffen zu haben, was in Zukunft weiterwachsen kann. Etwas, das Menschen zusammenbringt und gemeinsam mit Freude und Kreativität den öffentlichen Raum erleben lässt.
DIE VORGEHENSWEISE | Als die Grundidee zu dieser Arbeit stand, begann ich, mich mit den verschiedenen Streetartkünstlern und deren Arbeiten intensiv zu beschäftigen, die Recherchephase. Hierfür bediente ich mich in erster Linie des Internets, das mir hier ein weites Feld bot, sowie der Literatur aus dem Bereich Streetart. Dabei wurde mir klar, dass die meisten Streetarkünstler sich in der Technik immens unterscheiden und es keine genaue Definition für die Technik der klassischen Streetartumsetzung gibt. Somit konnte ich eine eigene Form meiner Stilart festlegen und gestalten. Über Gespräche mit Freunden und Künstlern habe ich viele Erfahrungen sammeln dürfen, die mich bei meiner kreativen Phase stark unterstützt haben. Eine wichtige Erfahrung durfte ich durch ein Gespräch mit einem Freund machen, der aktiv in der Graffiti-Szene tätig ist. Durch ihn habe ich erfahren dürfen, dass das Thema Streetart mit Respekt zu betrachten ist und nicht einfach nur eine Mode-Erscheinung darstellt, bei der man einfach mal »drauf los sprühen« kann. Es gibt hier strenge Regeln, die man nicht so einfach brechen darf. Um ein Beispiel zu nennen, darf ein Aktivist auf keinen Fall ein anderes Bild oder Tag auf den Wänden übermalen. Er gab mir Tipps und Informationen, die mir letztendlich für mein weiteres Agieren sehr geholfen haben. Um die Kreativität herauszulocken, versuche ich mich im Alltag so zu verhalten, dass die Kreativität provoziert wird. Dinge, die gewohnheitsgemäß gemacht werden, wie z. B. durch die Straßen laufen, im Café in der Stadt sitzen und Menschen beobachten, werden bewusst gemacht. Im Wettlauf mit der Zeit habe ich mir einen Zeitplan erstellt, in dem ich die einzelnen Phasen der Arbeit aufgeteilt habe. Das hat zum Vorteil, dass ich das Team gut organisieren und planen konnte. Im Vorfeld habe ich mit den einzelnen Personen, die mich bei meinem Projekt unterstützen, Termine und Ablaufpläne festlegen können, um letztendlich zum Ziel zu kommen. Nach dem Startschuss geht es mit einem kreativen Chaos ins Rennen unter Leitung einer klaren Struktur mittels des Konzepts, bei dem die Hürden dank klarer Definitionen und Erklärungen überrundet werden, um dann letztlich an das Ziel Abschlusspräsentation zu stoßen.
handzahm | Einführend in meine Arbeit möchte ich vorab erklären, wie ich auf den Projektnamen »handzahm« gekommen bin. Bei meiner Recherche im Internet nach dem Begriff »handzahm« stieß ich auf folgendes Ergebnis bei www.wikipedia.de: »Als Zähmung wird die weitgehende Annäherung eines Lebewesens an eine Person bezeichnet. Der Begriff wird auch als Synonym für Beruhigung genutzt und als Gegenteil von Wildheit« […] »Bei Tieren bedeutet sie die Gewöhnung an den Menschen und eventuell an die Verrichtung von Aufgaben und Einfügung in den menschlichen Lebensrhythmus. Für eine Zähmung muss Vertrauen aufgebaut werden. Zur Einpassung in die menschliche Lebensweise gehört die Anerkennung des Menschen als Autoritätsperson« […] »Gelegentlich wird der Begriff auch auf menschliche Beziehungen angewandt, hier geht es unter anderem um die Annäherung an Lebensumstände und -rhythmus einer oder mehreren Personen.« An erster Stelle habe ich den Blick kritisch auf unsere Gesellschaft und unsere System geworfen und den Begriff darauf angewandt. Der Gedanke ist, dass unser System, in welchem wir Menschen aufwachsen und leben, immer mehr an Marketingstrategien der Großkonzerne angepasst wird, da wir immer mehr von Werbung und Konsum geleitet und verlockt werden. Die Schnelllebigkeit und die Reizüberflutung beeinflussen unser Leben. Statussymbole und der Drang zum Perfektionismus sind kaum noch wegzudenken. Wir werden von den starken Einflüssen der Markenwelt sensibilisiert und »handzahm« gemacht. Wenn man den Namen »handzahm« aus der kreativen Perspektive heraus betrachtet, sehe ich darin den Prozess von der Idee bis zur gestalterischen Umsetzung des Grafikers oder Künstlers, welcher die Inspiration mit seinen Gedanken sowie der Hand zähmt und in seine Arbeit oder Kunstwerk umsetzt.
DER HANDLUNGSPROZESS | Um an dieser Stelle noch etwas mehr ins Detail zu gehen habe ich meine Arbeit gut sortiert und in einzelne Phasen unterteilt: »Phase 1« Grafiken In diesem Punkt werde ich als Designerin Grafiken entwerfen, welche ganz im Sinne des Streeartgedankens anregen, kritisieren, provozieren, erheitern oder unterhalten. Es sind Grafiken, die nicht einfach nur gut aussehen, nein, sie sollen auch etwas Hintergründiges ausstrahlen. Die Inhalte entstehen durch eine intensive Analyse meines Umfelds. Durch diese Wahrnehmung, Empfindung und Beobachtung der Gesellschaft werde ich das Resultat visuell am Computer in Form von Illustrationen umsetzen. Diesen visuellen Punkt lasse ich dann in die nächsten Bereich miteinfließen. Der öffentliche urbane Raum wird durch meine Recherche nach freien Flächen, Orten und Objekten untersucht. Nach einer Fotosafari durch Freiburg, auf der Jagd nach freien Stellen, habe ich mir im Vorfeld die Grafiken individuell ausgesucht und auf den dafür speziellen Trägern vorbereitet. Bei diesen Trägern handelt es sich um Papier und Karton, den so genannten Cut-outs, auf welche die Motive ausgedruckt und aufgeklebt werden. Das Format für das Motiv wird individuell angepasst. Ein weiterer Schritt ist das Ausarbeiten der Grafiken zu Schablonen. Die Technik die ich mir hier ausgewählt habe ist eine Variation aus Aufdrucken, Aufmalen und Sprayen. Spraydosen und Farben werde ich individuell auf Papier und Karton auftragen Es folgt eine Tour durch die Stadt und das Anbringen der Arbeiten an die Wände. Hilfsmittel wie beispielsweise Klebeband, Kleister, Nägel, und Farbe werden individuell miteingesetzt. Zum Abschluss werden diese Arbeiten von mir per Fotos festgehalten und dienen zur Dokumentation dieser Phase. Veröffentlicht werden diese Bilder in einem Magazin, auf welches ich in Phase 3 noch näher eingehen werde. »Phase 2« Die Streetware In Zusammenarbeit mit der Modedesignerin Sonja Haasdonk haben wir gemeinsam die Outfit-Stilart definiert, die zum Thema Streetart passt, und dementsprechend leichte, einfache, neutrale und natürliche Stoffe ausgewählt. In erster Linie haben wir uns für Outfits für Frauen entschieden. Als Basis haben wir hier das Thema Streetart aufgegriffen, dass sich auf die Mode auswirken soll. Die Wahl fiel auf einen Modestil, welcher stellvertretend für die Stadt stehen soll. Der Stoff und Schnitt sollten einer Wand im öffentlichen Raum gleichen, abgenutzt und aufgerissen durch die Witterung, mehrschichtig wie der Putz und die Farben, symmetrisch und asymmetrisch wie die Architektur der Häuserwände. Um eine Verbindung zu meinen Grafiken herzustellen, werden diese Outfits bzw. Wände mittels Textildruck wie ein Artwork auf die Wand aufgedruckt. Die Kleidungsstücke werden, basierend auf diesen Punkten, entworfen, angefertigt, genäht und bedruckt. Die Dokumentation der Arbeit wird durch ein Fotoshooting festgehalten. Gemeinsam wurde im Vorfeld alles für das Shooting organisiert. Für die Location habe ich mich für das alte leer stehende Götz-und-Moritz- Gelände mitten in der Stadt Freiburg entschieden. Die leeren Lagerhallen und das ausgeräumte Gebäude auf diesem Gelände stellen die optimalen Bedingungen für das Fotoshooting dar. Die Kommunikation der Streetart hat hier bereits inner- und außerhalb der Gebäudewände durch Graffiti und Artwork stattgefunden. Die Akteure wie auch ich haben sich auf den Wänden, dem öffentlichen Raum, mit ihren Arbeiten verewigt und kommuniziert.Für das Shooting wurde ein weibliches Fotomodell engagiert, welches zu meiner Streetware passt: feminin, modern und jung. Abgestimmt auf das Model und das Outfit wird ein Stylist für das Make-up und die Frisur engagiert und eingewiesen. Für den technischen Bereich wird das Equipment wie Licht, Fotokamera und Stromaggregat vom örtlichen Fachhandel gemietet. Primär sollten das Outfit mit den Aufdrucken fotografiert werden. In zweiter Linie wird darauf geachtet, dass meine Grafiken an den Wänden dezent mit in die Bilder einfließen, da das Hauptaugenmerk auf der Mode liegen soll. Die in dieser Phase entstandenen Fotos werden von mir für das Magazin »handzahm« nachbearbeitet und festgehalten. » Phase 3 « Die Präsentation und Dokumentation Die Präsentation meiner Arbeit wird im weitesten Sinne auch die inhaltlichen Aspekte dieser widerspiegeln und dem Betrachter vermitteln. Viele Möglichkeiten, meine Arbeiten festzuhalten, gibt es nicht, da sich das Schauspiel auf den Straßen in der ganzen Stadt abspielt. Greifbar kann ich meine Arbeit machen durch ein Magazin. Dieses Magazin wird den gleichen Namen tragen wie das Projekt: »handzahm«. Um das Projekt zu untermalen und abzurunden, werden die entstandenen Arbeiten, Grafiken und Bilder festgehalten und erklärt sowie durch Themen, Berichte über Streetart-Akteure, einen Workshop, News und Interviews der Streetartszene veranschaulicht und in einzelne Rubriken des Magazins gegliedert. Das Hauptaugenmerk ist thematisch auf Streetart ausgerichtet, welches sich im Papier, der Gestaltung des Layouts und der Themen wiederfindet. Um den Gedanken weiterzudenken, könnte das Magazin in Streetwareläden, Musikgeschäften, Bars, Cafés, Universitäten, Schulen, Buchhandlungen, kulturellen Orten und Kiosken gratis ausliegen, um für jeden erreichbar zu sein, der sich für die Streetartszene interessiert, wie beispielsweise Szenebewusste, Sprayer, Künstler, Designer, Modebewusste, Junge und Moderne Menschen. Weiter könnte ich mir vorstellen, dass das Interesse für das Magazin »handzahm«, auch bei Agenturen, Verlagen, Modelabels oder Firmen mit der gleiche Zielgruppe, geweckt wird. Desweiteren plane ich für die Abschlusspräsentation eine Ausstellung meiner Arbeiten. Als Plattform bieten mir Stellwände für die Cut-outs, ein Präsentationstisch für das Magazin und von der Decke hängen Puppen für die Outfits.

SPURENSICHERUNG
RAUMWAHRNEHMUNG | Bilder, Zeichen, Texte — unkompliziert und illegitim. Gestern waren sie noch nicht da, und morgen sind sie vielleicht schon wieder weg. Sie sind groß und klein, bunt und schwarz-weiß, eckig und umschnitten. Sie kleben neben dem Hauseingang, am verlassenen Supermarkt und auf der Ziegelsteinmauer. Am Bauzaun werden sie angeschraubt, und Regenfallrohre verwandeln sie in Litfasssäulen. Sie überraschen und erheitern, unterhalten oder informieren. Manchmal bleibt man sogar stehen, liest, lacht, schüttelt den Kopf und geht weiter. Manche finden Dich und andere musst Du suchen. Du kannst mit ihnen spielen, wenn Du Dir vornimmst, heute nur Bilder zu suchen, die eine bestimmte Farbe in sich tragen. Das nächste Mal suchst Du nur Figuren oder Details, die du wahrnimmst. Auf den Spaziergängen wirst Du den Alltag anders erfahren. Die bunte Vielfalt der Stadt wird sich Dir in kleinen Ausschnitten offenbaren.
CODES ALS ZEICHEN | Oftmals sehen wir Zeichen, die wir nicht deuten können, weil wir sie nicht entschlüsseln können. Wer hinterlässt solche Spuren, was haben sie zu bedeuten, und für wen sind sie bestimmt? Diese Zeichen sind Codes, nur sprachkundige Menschengruppen oder solche, an die sich die Codes wenden, können sie entziffern. Sie werden zum Ausdruck einer Kultur, zur Identifikation. Die vielfältigen Zeichen sind seit ihren Anfängen die Sprache der Abwesenden. Sie schaffen, wenn auch nur symbolisch, Brücken, die Orte und Menschen verbinden. Sie sind das Gedächtnis, über Raum und Zeit hinweg wirksam und können Geschichten schreiben. Diese Zeichen setzten bestimmte Kenntnisse voraus — nur dann sind die Symbol- und Buchstabenverhältnisformen zu verstehen. Jedes Zeichen erzählt eine Geschichte. Zeichen sind immer Ausdruck menschlicher Existenz. Sie bestimmen den Menschen in seiner Umwelt und ermöglichen dadurch einen Dialog. Für den Nichtsprachkundigen sind diese Zeichen unverständlich. In vielen Fällen sorgen diese zum Ornament reduzierten Codes für Irritation oder Missverständnis, und dies führt schließlich zur Ausgrenzung. Jeder Mensch sieht seine Umwelt auf eine eigene Art und Weise. Somit ist auch das Entschlüsseln bestimmter Zeichen eine Frage des Interesses. Dies ist abhängig von kulturellen und geistigen Voraussetzungen, die es dem Betrachter erlauben, die Codes, die um uns vorhanden sind, zu entschlüsseln. Auf den Fassaden ist das Verhältnis zwischen Architektur und Schrift mit der Zeit immer enger und auch gespannter geworden. Im Mittelalter verbreiteten sich Ideen vor allem in Form von steinernen Bauten. Die kulturellen Werte der Gesellschaft und der Glaube an die Stadt wurden in der Architektur formuliert und durch sie zum Ausdruck gebracht. All dies ändert sich mit der Erfindung der »beweglichen Lettern« im 15. Jahrhundert. Viele Autoren kommentieren diesen historischen Augenblick als die Geburtsstunde des Buchdrucks und gleichzeitig als den Tod der Architektur. In dem Moment, als man die Ideen als Text auszudrücken begann, besetzten sie eine andere Art von Raum. Der Raum des Textes war sozusagen überall und nirgends.
WAS IST URBANITÄT? | Der Begriff existierte schon zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Urbanität wird hier als eine Verhaltensweise definiert, wobei die kulturelle Aufgeschlossenheit, die Toleranz, der ungezwungene, verbindliche und aufgeklärte Umgang mit anderen gemeint ist. Gleichzeitig ist es die Akzeptanz, andere im gesellschaftlichen Raum als Gleichgestellte anzuerkennen. Das distanzierte, aber verbindliche Benehmen gegenüber Bekannten oder Fremden wurde zu dieser Zeit als urban bezeichnet. Das Verschwinden der ständischen Gesellschaft und das Ende des Bürgertums waren der Beginn des Zerfalls der Urbanität. Die Urbanität musste der Demokratie und der Emanzipation der Individuen weichen, dennoch kann man versuchen, eine neue Norm von Urbanität zu schaffen, die den historischen Anspruch der Urbanität mit dem heutigen gesellschaftlichen Bedingungen verknüpft. Im Grunde wird eine Utopie angestrebt, nämlich die Vision, dass eine »liberale Gesellschaft ökonomisch Selbständiger, politisch gleicher und zivilisierter Individuen« entstehen könnte. (Walter Siebel. Was macht eine Stadt urban? Definitionen, Einwände und Widersprüche 1992) Die zukünftige Stadt wird im großen Maße eine multikulturelle Stadt sein, mit vielen verschiedenen Einflüssen. Ein großes Problem, welches auch jetzt schon auftritt, ist, dass sich die Kulturen in der Stadt auflösen und integrieren. Die gesellschaftliche Emanzipation kann nicht von Zugewanderten verlangen, da sie sich unterordnen. Andererseits aber wird gleichzeitig die Urbanität, die gerade im Umgang mit Fremden erwünscht ist, vernachlässigt und untergraben. Ein Beispiel hierfür ist die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Somit verlaufen Urbanität und Humanität viel zu unterschiedlich. Man muss Freiräume für alle schaffen, unabhängig vom sozialen Stand und der Dauer des Aufenthalts in der Stadt. Urbanität ist trotz der Toleranz und der Weltoffenheit mit den räumlichen Komponenten verflochten. Einzelne Situationen werden zu einem urbanen Stadtgeflecht, nie aber die Stadt als Ganzes. Der Ort, das soziale Netz, die Menschen an diesem Ort, die sich in diesem Zustand befinden sind urban. Zu folgenden Komponenten wie Toleranz, Weltoffenheit und Gebundenheit kommt noch das Attribut Angebotsvielfalt hinzu: soziale Vielfalt, ethnische Vielfalt, Vielfalt der Angebote, der im Stadtraum sichtbaren kulturellen Techniken, der Traditionen, der Anschauungen, der Philosophien und der Religionen. Damit Urbanität aus all diesen Faktoren entstehen kann, müssen sie auf engem Raum vertreten sein. Daraus folgt, dass eine große kulturelle Dichte in einer Stadt gleichgesetzt wird mit Urbanität. Die Stadt ist also mit einem Puzzle vergleichbar: Sie beherbergt alles, Produzenten und Produkte, Schöpfer und werke, Aktivitäten und Situationen. Alles existiert im Austausch, alles steht zueinander in Beziehung — das ist die Urbanität. (Andreas Feldtkeller. Die zweckentfremdeten Stadt. Die Zerstörung des öffentlichen Raums 1994) 
DER ÖFFENTLICHE RAUM ALS AUSDRUCKSMEDIUM | Die heutigen Stadtzentren sind literarische Räume. Schriftträger sind Fassaden, Giebel, Dächer, Fenster, Schilder und Straßen. Als mobile Träger gelten Personen und Transportmittel. Den Großteil der literarischen Stadtstruktur bildet die Werbung in Form von Ladenüberschriften und Lichtreklamen. Groß, bunt und aufdringlich sind Wertetafeln, in regelmäßigen Abständen gezielt im öffentlichen Raum verteilt. Niemand kann sich diesen entziehen. Jan Tschichold, einer der Meistertypographen des 20. Jahrhunderts, kritisierte schon sehr früh die schlechte Entwicklung der Schriften im städtischen Raum: Viel zu oft würden Schriften in der Architektur verwendet, die nur für kurzlebige Schilder geeignet sind. Wer Schrift auf Häusern anwenden will, muss sich darüber im Klaren sein, dass seine Schrift künftig einen Teil der Gesamterscheinung dieser Häuser und einen durchaus nicht unwichtigen Teil der Erscheinung der ganzen Stadt bilden wird. Eine neue Form der Urbanität: Auf den heutigen öffentlichen Raum nehmen die verschiedensten Individuen Einfluss. Sie kommunizieren und orientieren sich durch diese unterschiedlich codierten Sprachen auf eine neue, unkonventionelle Art und Weise. Diese Individuen wollen sich der Öffentlichkeit mitteilen, stellen Fragen, provozieren durch Aussagen oder machen auf sich aufmerksam. Durch diese differenzierten Beweggründe werden neue Strukturen in der Stadt geschaffen, jedoch ohne kommerzielle Hintergedanken, in Form von den übrigen Zeichen. Die Stadt ist nicht mehr nur eine Aneinanderreihung von Baukörpern, Architektur und Werbung, vielmehr wird sie zum öffentlichen Ausdrucksmedium von Subkulturen. Die Zeichen widersprechen der Kontrolle und verleihen der Stadt einen neuen urbanen Charakter. Das private Eigentum wird missachtet und aus den Köpfen verbannt. Häuserwände, Züge, Busse, Mauern, Automaten, Stromkästen, Brücken, Laternen, Masten, Türen, Tore — all das wird zu einer urbanen Fläche, zu einer riesigen Leinwand. Der öffentliche Raum wird erobert und dient als Zeichen- und Signalsystem. Es bilden sich neue Raumordnungen heraus, Gebiete und Territorien werden markiert und somit aufgeteilt. Nur wer Raum besitzt, kann Botschaften senden. Für die Werbung werden Räume gepachtet. Diese Art von Zeichen dagegen benutzt den Raum frei von marktwirtschaftlichen Regeln. Seltsamerweise stört gerade die Werbung niemanden. Man lässt sich tagtäglich von ihr zubuttern, vorwiegend sogar von schlechter Werbung. WAS SIND DAS FÜR INDIVIDUEN? | Die heutige Gesellschaft besteht aus Hierarchien, welche durch materielle Dinge geordnet sind: mein Haus, mein Auto, meine Dolby-Surround-Anlage, mein Breitbild-Fernseher. »Sein oder haben«, nicht jeder kann oder will sich durch materielle Dinge präsentieren. Es ist zu banal: Man bezahlt Geld, um sich selbst darzustellen. Individuen, die aktiv auf der Straße unterwegs sind, wollen sich gegen diese Selbstdarstellung wehren. Bei Graffiti zum Beispiel entstehen Hierarchien nach der Quantität der markierten Territorien, Individualität der Zeichen, Qualität der bunten Bilder und die Anzahl der bemalten Züge. Die Graffiti sind kein Heilmittel für die Architektur, sie besudeln sie, vergessen sie, sie laufen quer. Graffiti lassen die Räume wieder lebendig werden. Einzig und allein mit Farben und Linien werden neue Strukturen geschaffen, Architektur erweitert und nackte Flächen angezogen. Graffiti sind frei und bewegen sich völlig unabhängig von architektonischen Grenzen. Graffiti laufen von einem Haus zum nächsten, von der Wand über das Fenster, über die Tür. Sie laufen über die Scheibe der U-Bahn, über den Bürgersteig, sie greifen übereinander und überlagern sich. Graphismus ist wie die Perversion von Kindern, die die Grenze der Geschlechter und die Begrenzungen erogener Zonen ignorieren. Angenommen, Graffiti wären legal, wie würden dann die Städte aussehen? Ein Beispiel aus São Paulo kann dies veranschaulichen: »[…] Die Stadt der Wände. Logisch eigentlich, dass die Leute hier Graffiti lieben, einer der wenigen Versuche zur Stadtverschönerung. Wer auch nur den Eindruck erweckt, schöne Bilder zu malen, kann sich den ganzen Tag lobende Kommentare der Passanten anhören ›ohhh, muito bunito.‹ und anerkanntes Schulterklopfen, dann folgt ungläubiges Staunen darüber, dass man bereit ist, so etwas kostenlos zu tun. Bald darauf kommt der Hinweis auf die eigenen, doch bitte auch zu bemalenden Hauswände. Klar auch, dass es hier gute Graffitimaler geben muss. Irgendwie haben es die Paulistas geschafft, zu fast jedem Gebäude eine große leere Wand an die Straße zu bauen. Gibt es in solchen Mengen, dass man die nächsten 50 Jahre für das Besprühen derselben aufwenden kann, ohne irgendein Bild übermalen zu müssen. ...« (Backjumps. The Live Issue #1 1994) Man sieht also, dass Graffiti positive Reaktionen hervorrufen können. Graffiti werden in Europa nur als Auftragsarbeiten anerkannt. Im gleichen Fall ist der Graffitisprüher ein Künstler und das Bild wird in hohen Maßen gelobt. Würde man dagegen das gleiche Bild illegal malen, wäre es eine Schmiererei und der Graffitisprüher ein Graffiti- Vandale. Plakatieren, Graffiti, Writing, Aufkleber, Pochoirs — all diese Streetartkomponenten benutzen den urbanen Raum, und all diese Komponenten ergeben neue Collagen, die mit uns kommunizieren. Seltsamerweise wird die Stadt durch diese Strukturen wieder zu einem Körper ohne Ende und Anfang zusammengeführt. Jeder, der sich im öffentlichen Raum bewegt, wird mit diesen Botschaften konfrontiert, man kann sich ihnen nicht entziehen. Diese neue Kommunikationsform benutzt die öffentlich-räumlichen Komponenten und lässt neue visuelle Kompositionen entstehen. Diese einzelnen Situationen schaffen eine noch nie da gewesene Raumordnung in der Stadt, eine neue Art von Urbanität.
GESCHICHTE GRAFFITI | Writing | In den siebziger Jahren entstanden die ersten New Yorker Wandmalereien und Graffiti. Diese stellten eine neue Form des urbanen Designs dar. Es brach eine Welle von Graffiti über New York herein. Sie sind ein absolutes New Yorker Phänomen, denn Graffiti war zu dieser Zeit in keiner anderen Stadt zu finden. Wände, Zäune, U-Bahnen, Busse, Züge, Lastwagen, Aufzüge, Flure und Monumente wurden angegriffen und über und über mit wilden Graphismen bedeckt. Die Inhalte dieser Graffiti sind in ihrem Umfang weder politisch noch wirtschaftlich. Sie ordnen sich weder in die Werbung noch in die Architektur ein, sind frei von Marktmechanismen und äußeren Regeln. Die Personen einer agierenden Gruppe sind austauschbar. Jedes Individuum bekommt nur durch den Code einen Sinn. Sie brechen aus der Kombination der Teile aus, nicht, um eine bestimmte Position oder Identität zurückzugewinnen, die ihnen das System aufzwingt, sondern, um sich mit ihrer Unbestimmtheit gegen das System zu wenden. »Ich existiere, ich bin der und der, ich wohne in dieser oder jener Straße, ich lebe hier und jetzt«. Diese Unbestimmtheit wird für den Vandalismus benutzt. Denn Super Bee, Spix, Cola 139, Kool Guy, Crazy Cross 136 – diese bedeuteten nichts, sind nicht einmal Eigennamen, sondern nur symbolische Nummern. Man benutzt diese, um das gewöhnliche Benennungssystem durcheinanderzubringen. Diese Form symbolischer Benennung wird von unserer Sozialstruktur, die jedem eine private Individualität verpasst, nicht akzeptiert. Diese Namen haben eine große symbolische Bedeutung. Sie werden ausgetauscht und übertragen, um sich unbegrenzt in der Anonymität zu bewegen. In diesem Punkt unterscheiden sich die Graffiti von allen anderen Zeichen der Medien und der Werbung. Die Graffiti gehören zur Ordnung des Territoriums. Sie territorialisieren den decodierten urbanen Raum: Die Straßen, die Wände, die Viertel, alles wird wieder lebendig und zum gemeinsamen Territorium. (Kool Killer. Der Aufstand der Zeichen 1978) Der Begriff Graffiti wird heute von den Medien sehr breit gefächert benutzt und ausgelegt. Er besitzt meistens einen negativen Beigeschmack. Zu dem Begriff Graffiti zählen heute alle Elemente, welche mit der Spraydose erstellt wurden: Pochoirs (Schablonengraffiti), politische Äußerungen, kommerzielle Auftragsarbeiten, Liebesoffenbarungen … Wenn man allerdings über die in New York entstandene Subkultur spricht, sollte man den Begriff Writing benutzen. Dieser definiert sich durch »writing my name« und sollte vom Rest der Graffiti getrennt werden. Writing ist heute aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Keine andere Subkultur hat so viel Einfluss auf den öffentlichen Raum genommen wie das Writing.
HALL OF FAME | Die Halle des Ruhmes, auch »Wall of fame« genannt, ist ein besonderer Ort für Writer. Hier entstehen meist aufwendige, große, legale Pieces (Bilder). Die Styles werden hier individuell ausgefeilt und gestaltet. Es gilt, sich mit anderen Writern zu profilieren, zu vergleichen, aber auch gemeinsam kreativ zu sein. Die Pieces werden allerdings meist nach kurzer Zeit, ein bis vier Wochen, wieder übermalt. Dabei sind gewisse Regeln zu beachten, die sich im Laufe der Entwicklung, vor allem in New York, herauskristallisiert haben: Das Piece sollte mindestens genauso gut gemalt werden, die Hierarchie des Writers in der Szene ist zu beachten und die Zeit, in der das Bild zu sehen war. Die Ästhetik des Styles nimmt eine entscheidende Rolle ein. Auch wenn diese Regeln sehr subjektiv betrachtet werden, vor allem heute, in einer Zeit in der Respekt kaum noch eine Rolle spielt, haben sie sich durchgesetzt, fernab von anderen gesellschaftlichen Normen und Regeln. Eine weitere schöne Eigenschaft, welche die »Hall of fame« hervorbringt, ist die Größe der Bilder. Sie ist mit meist 4 m x 2,5 m pro Piece in kaum einer anderen visuellen, künstlerischen Ausdrucksform zu finden. Kaum ein Künstler benutzt so große Leinwände, nur in besonderen Fällen. Wo sollte man auch so riesige Bilder lagern oder aufhängen? »Hall of fame«-Bilder werden also in regelmäßigen Abständen wieder übermalt. Dies ist sicherlich dem Platzmangel zuzuschreiben. Der Writer trennt sich also, nachdem er das Bild gemalt hat, psychisch von demselbigen, d.h., er stellt keine Besitzansprüche an sein Werk. Er verkauft es auch nicht, beschützt es oder zäunt es ein, lediglich ein Foto bleibt ihm nach langer Zeit erhalten. Man kann also davon ausgehen, dass der Writer für sich selbst malt, für seine Style-Entwicklung, für seinen Fame, für seinen Spaß und seine Lust. Die Gemeinschaft und die Freunde nehmen ebenfalls eine wichtige Rolle bei Aktionen ein. Man verabredet sich, trifft sich und plant gemeinsam. Vor allem bei länger geplanten Sprühaktionen treffen sich oft ein Dutzend Writer, um zusammen zu malen. Man ist gemeinsam kreativ, kommuniziert mit anderen Writern, tauscht Erlebnisse aus und zeigt Fotos von vergangen Aktionen.
STREETART - IST DAS KUNST? | Streetart, oder auf Deutsch Straßenkunst, ist im Allgemeinen eine Art, sich kreativ auf der Straße auszudrücken. Damit sind nicht Strassenkünstler gemeint, die in Touristenstädten auf der Straße sitzen, um Touris für Geld zu porträtieren, oder »Kunst im öffentlichen Raum«, welche von der Stadt bewilligt bzw. erwünscht und für Geld aufgestellt wird, sondern: Streetartisten sind von sich aus produktiv und aktiv. Es wird nicht gefragt, ob man hier oder dort ein Bild anbringen kann. Es wird einfach gemacht; sie ziehen durch die Viertel ihrer Stadt und platzieren ihre Bilder an auserwählten Stellen, gut sichtbar für andere. Wenn man begreifen will, warum Streetart eigentlich gemacht wird, muss man weiter ausholen. Man muss die Gesellschaft hinterfragen, die diese Gruppen hervorbringt. Es gibt viele Faktoren und Komponenten, die heute den Menschen beeinflussen und manipulieren. Wer kann schon von sich aus mit Gewissheit behaupten, nicht durch Dritte beeinflusst zu sein? Was mache ich von mir aus, und welche Verhaltensweisen werden mir von außen projizieren? Ein Paradebeispiel, wenn es um Beeinflussung geht, ist Werbung oder Propaganda: Werbung im öffentlichen Raum ist heute sehr penetrant, auch aggressiv, da der Betrachter keine Möglichkeit hat, sich ihr zu entziehen; und so wird es von den meisten akzeptiert und toleriert. Der Mensch heute ist nur noch Spielball der Wirtschaft: »Kauf dies, dann fühlst Du Dich gut; kauf das, damit Du gut aussiehst, und kauf Deinem Freund das, damit er Dich mag.« Kaufen und Geld sind Dreh- und Angelpunkte der Gesellschaft. Streetartisten sind in erster Linie Menschen, die von sich aus kreativ sind und keinem Wirtschaftsmechanismus unterliegen. Sie möchten ihre Ideen am besten sofort anderen zeigen und sich dadurch einen Namen verschaffen. Dabei nutzen sie den Raum, den jeder Mensch mindestens einmal am Tag betritt: den urbanen Raum. Sie gestalten ihren Lebensraum frei nach ihren Ideen, ohne dafür Geld zu fordern. Sie setzen ihre eigenen Ideen um, verkünden ihre Meinung und legen somit Zeugnis ihrer Identität ab. Es geht nicht wie bei Graffiti in erster Linie darum, einen eigenen Namen zu sprühen, der von einer kleinen Gruppe decodiert werden kann, sondern: Es werden oft Symbole, Zeichen oder Figuren, von den Streetartisten hinterlassen. Die Bilder sind gerade darum nicht so abstrakt für Außenstehende und erwecken gerade deswegen Interesse und nicht Abneigung, wie es bei Graffiti der Fall ist. Geht es bei Graffiti in erster Linie um das Zerstören und Vandalieren, so ist der Grundgedanke bei Streetart eher, auf den Betrachter einzuwirken. Man möchte das Interesse wecken, auch von Leuten, welche sich nicht tiefgründig mit der Materie auseinandersetzen, möchte diese zum Nachdenken anregen, erheitern oder auch einfach nur unterhalten. Bei Graffiti und bei Streetart gibt es eine entscheidende Gemeinsamkeit: die Haltbarkeitsdauer. Diese sind sehr gering. Einige Bilder sind nur wenige Stunden dran. Mit diesem Wissen gehen die Strassenkünstler auf die Straße und gestalten ihre Stadt. Es sind Bilder für den Augenblick, nicht für die Ewigkeit. Nur Fotos erinnern im Nachhinein an die Aktion. Also, warum trotz alledem Streetart? Ein Grund ist, dass es bei Streetart in erster Linie um das Erschaffene geht. Man integriert sich durch sein Tun in eine Gruppe und wird von dieser anerkannt. Es ist ein schönes Gefühl, seiner Selbst wegen akzeptiert und anerkannt zu werden. Man freut und begeistert sich. Der öffentlichen Raum der Stadt ist ein optimales Medium, um sein Können unter Beweis zu stellen. Die Reaktionen nicht-aktiver Außenstehender für das Erschaffene sind zumeist Lob und Anerkennung. Die Tatsache, dass es Gruppen gibt, die ihre Werke beispielsweise auf neu sanierten Fassaden anbringen, ist ein Störfaktor für den voranschreitenden Ästhetisierungswahn. Diese Fassaden sollen Indikator sein für ein intaktes Gesellschaftsleben. »Oben hui – unten pfui!« »Sauber« bedeutet heute oft großflächige, überschaubare, oberflächliche, entmenschlichte Einheitlichkeit. Man könnte sogar noch weiter gehen und die Behauptung aufstellen, der Mensch versuche, den Dreck zu beherrschen. Die Streetart bietet diesen Machenschaften Paroli. Die Gestaltung des öffentlichen Raums durch Streetart ist ein Mittel, denselbigen zu dem zu machen, was er eigentlich sein sollte: ein Ort der Kommunikation, ein Ort, an dem man sich mit seiner Umwelt auseinandersetzen und sich wohlfühlen kann. Manche Menschen brauchen die Möglichkeit, sich frei und unbeeinflusst von vorgegebenen Maßstäben und künstlichen Lebensentwürfen zu entfalten. Sie wollen selbst ihren Verstand benutzen und kreativ sein.
GESCHICHTLICHER HINTERGRUND STREETART | Die Entstehung von Streetart lässt sich zeitlich nicht genau datieren, da sie sich in den letzten Jahrzehnten in den Großstädten und Metropolen unterschiedlich entwickelte. Als Vorreiter können die Graffiti von New York angesehen werden, die Anfang der siebziger Jahren massenhaft diese Stadt mit Namen übersanten. Eine vorher noch nie da gewesene Flut von Zeichen, die für Außenstehende inhaltslos erschienen, brach über New York herein. Ebenfalls Ende der sechziger Jahre entstanden in Paris vermehrt Schablonengraffiti und Affiches (franz. Plakat). Im Zuge der Studentenrevolte übermittelten diese vor allem politische Inhalte. In den achtziger Jahren wurde das Stadtbild von Paris durch das so genannte Pochoir (franz. Schablonengraffiti) geprägt. Der Künstler Blek nutzte den urbanen Raum, um solche Arbeiten zu veröffentlichen. Inspiriert von den New Yorker Graffiti, die er 1971 bei einem dortigen Aufenthalt zum ersten Mal sah, fing er an, durch Schablonen zu sprühen. Seine ersten Motive waren Ratten, wodurch er den Spitznamen Le Rat (franz. Ratte) erhielt. Bis heute fertigt er auch lebensgroße Menschenmotive an, die er an Häuserwände anbringt. Er beobachtet die Leute auf den Straßen, fotografiert sie in alltäglichen Situationen und erarbeitet sich daraus seine Schablonen. Seine Arbeiten sind nicht stark durch Lehre wie die Graffiti von New York, auch vermitteln sie keine direkten politischen Ansichten wie die Schablonengraffiti und Affiches von Paris. Seine Motive zeigen vielmehr den Stadtmenschen, auch wenn dieser nicht anwesend ist. Durch seine Pochoirs auf Häuserwänden schafft er Illusionen, indem er scheinbar Stadtbewohner inszeniert. In Paris kam es, nachdem Blek Le Rat mit seinen lebensgroßen Figuren viele andere Leute inspirierte, zwischen 1984 und 1987 zu einem wahren Boom der Pochoir-Technik. In Los Angeles begann Shepard Fairey 1989 seinem visuellen Obey-Feldzug. Er kombinierte das Wort Obey (engl. gehorchen) mit einem sehr markanten, symbolischen Portrait. Diese reproduzierte er immer und immer wieder. Damit wies er auf die Vermarktungsstrategie der großen Firmen hin, die ihre Logos ständig und überall reproduzierten, um sich damit in die Gedächtnisse der Menschen einzubrennen. Ende der neunziger Jahre war es der Künstler WK Interact in New York, der in den Straßen begann, lebensgroße und überlebensgrosse Figuren zu malen oder seine ausgeschnittenen Figuren auf Plakaten zu verkleben. Anfang der neunziger Jahre begann auch Banksy in London, seine Schablonen zu sprühen. Er agierte mit einer Bildsprache politischen Inhalts, um seine Meinung der Gesellschaft gegenüber kundzutun und auf Missstände in ihr aufmerksam zu machen. So zum Beispiel porträtierte er britische Polizisten, die mit der Sprühdose Sprüche wie »thug for life« (engl. Strolch fürs Leben) an die Wände schrieben. Heute sind seine Bilder auf der ganzen Welt bekannt. Seit Ende der neunziger Jahre ist ein vermehrtes Aufkommen von Streetart- Objekten in sämtlichen fortschritlichen Großstädten der ersten Welt zu beobachten. »Es ist kein Zufall, wenn man in internationalen Großstädten Leute findet, die ähnliche Sachen machen«, meint Space Invader aus Paris. »Wir sind Fehler des Systems, unkontrollierbar und hyperaktive Viren. Wir reagieren auf die allgegenwärtige Werbung, ausgestattet mit unseren eigenen Waffen. Unsere Gesten sind gratis aber effektiv, sie dringen ein, deregulieren und resistieren.« (Backjump-Magazin, Nr. 3 2001)
UMKÄMPFTE FLÄCHEN | Den städtischen Raum als Medium zu nutzen hat vielerlei Gründe. Hier erreicht man die Leute in einer Situation, in der sie »Kunst« nicht erwarten oder sie nur als Teil eines offiziellen Arrangements in Verbindung mit Architektur kennen, wie zum Beispiel in Bahnhöfen oder Einkaufszentren. Die Bilder hängen nicht in einer Galerie, wo sie darauf warten, besucht zu werden, sondern, die Macher suchen den Kontakt mit dem Betrachter auf der Straße. Sie besetzten einen Raum, der seine Funktion als Diskusraum, als Ort der Kommunikation der Stadtmenschen untereinander, weitgehend verloren hat. Die Bedingungen, unter denen sich öffentlich geäußert werden darf, sind eingeschränkt und gesetzlich festgelegt. Demonstrationen und Veranstaltungen müssen angemeldet werden und dürfen sich als solche nur in einem kontrollierten Rahmen bewegen. Werbeaufsteller bedürfen einer Genehmigung und müssen bezahlt werden. Reklametafeln, beleuchtete Schaukästen und Glasvitrinen kann man für viel Geld mieten. Im Unterschied zu sonstigen Meinungen darf kommerzielle Werbung den städtischen Raum besetzen, um die Kaufaufforderungen der Firmen und Marken zu äußern. Aber selbst sie müssen dafür bezahlen und dürfen nur die dafür vorgesehenen Flächen benutzen. Reklame und Streetart nutzen den gleichen Raum, die gleichen Flächen für die Veröffentlichung ihrer Bilder. Dabei sind diese mehr als zuvor umkämpft. Streetart-Macher fragen nicht, ob man hier oder dort ein Bild anbringen kann. Sie machen es einfach. Aus der Perspektive vieler Akteure spiegelt das nur die übliche egoistische Diktion der heutigen Gesellschaft wider. Es wird ja auch niemand gefragt, ob das Anbringen der Werbung an einem Ort erwünscht ist. Die Macher der Straßenkunst ziehen durch die Viertel ihrer Stadt und platzieren ihre Bilder. Sie nutzen den städtischen Raum, den jeder Stadtbewohner begeht und erlebt. Sie bedienen sich der gleichen Methoden wie Werbung und benutzen ähnliche Orte, Techniken und Ästhetiken für unkommerzielle Zwecke. Bildlichkeit | Streetart-Akteure arbeiten eher mit Bildern als mit Buchstaben. Dadurch wird den Betrachtern ein größerer Interpretationsspielraum geboten. Geht es beim Graffiti−Writing in erster Linie um die Reproduktion des eigenen Namens bzw. Pseudonyms gegenüber einer Szene, so ist der Grundgedanke der Streetart, für eine breite Masse verständlich zu sein. Man möchte auch das Interesse von Leuten wecken, die sich nicht tiefgründig mit dem Thema auseinandergesetzt haben, möchte diese zum Nachdenken anregen, kritisieren, erheitern oder unterhalten. Trotzdem lassen sich Streetart und Graffiti−Writing nicht immer klar voneinander trennen. Beide benutzen den gleichen Raum, und es sind beides illegitime Kommunikationshandlungen im städtischen Raum. Da viele Streetart−Akteure ursprünglich aus der Graffitikultur kommen, kann Streetart auch als eine Weiterentwicklung klassischer Graffiti gesehen werden. Wohlgemerkt: Kann! Die Bilder der Streetart sind symbolischer und figürlicher Natur, können aber auch Collagen aus Bild und Text sein. Sie erscheinen in den unterschiedlichsten Größen und Techniken und auf verschiedenen Untergründen. Um für jeden sichtbar zu werden, besetzt diese Ausdrucksform notwendigerweise den städtischen Raum. Gould sagt: »Ich muss raus. Ich wollte nie jemand sein, der zuhause rumhockt und auf irgendjemand wartet, der einen wach küsst − eine Galeristen-Fee oder so etwas. Ich suche die Öffentlichkeit, jedoch nicht für mich selbst, sondern für meine Arbeiten.« (Street Art, Die Stadt als Spielplatz 2003) VERGÄNGLICHKEIT | Die Bilder, die dabei entstehen, sind Bilder für den Augenblick. Das heißt: Ihre Haltbarkeit ist nur von kurzer Dauer. Sie werden niemals die Lebensdauer eines Gemäldes erreichen, geschweige denn sie überschreiten, weil sie den »Gesetzten der Straße« unterliegen. Schon morgen können sie abgerissen, überklebt oder verändert worden sein. Sie sind abhängig von der Witterung und Einflüssen, die der freiliegende Stadtraum mit sich bringt. Die Bilder werden nicht wie in Museen in gesicherten Räumen mit konstant bleibenden Temperaturen oder sogar Alarmanlagen und Wachpersonal geschützt − die Bilder der Streetart sind »vogelfrei«. Aber genau das macht ihren Charme aus, macht sie so nah, so greifbar. »Die Vergänglichkeit ist eine der wesentlichsten Qualitäten von Streetart. Man kann sich auf der Straße nicht ausruhen, da ändert sich so viel. Das spornt einen auch an, immer wieder weiter zu machen«, erzählt Gould. (Street Art. Die Stadt als Spielplatz, 2003) Nur Fotos erinnern im Nachhinein an das Bild und die vergangenen Aktionen. Das digitale Foto hat dadurch in der Szene einen wichtigen Stellenwert eingenommen. Señor B. hat es so beschrieben: »Wichtig sind mir mittlerweile die Orte, an denen ich meine Plakate kleisterte. Und ich will ein einigermaßen gutes Foto davon bekommen, denn ein gutes Foto ist oftmals das einzige was übrig bleibt.« (Street Art. Die Stadt als Spielplatz,
EINFLÜSSE | Streetart steht in der Abfolge bzw. wird nicht zuletzt von anderen Subkulturen und Avantgarde−Gruppen beeinflusst, die ebenfalls den städtischen Raum nutzen. Viel der Künstler begannen mit dem Graffiti−Writing. Sie sind mit der Subkultur des Hip-Hop und ihren sozialen Regeln groß geworden und verwachsen. Durch Streetart dehnten sie ihr Aktionsfeld aus und entwickelten sich weiter. Above aus Kalifornien, Banksy aus London, Señor B. aus München, Bild und Nomad aus Berlin − sie alle begannen, auf der Straße ihre Pseudonyme zu schreiben. Auch Künstler wie Jean−Michel Basquiat und Keith Haring übten Einfluss auf die Straßenkunst aus. Basquiat begann mit Al Diaz unter dem Pseudonym Samo, den Süden von Manhattan mit Graffiti-Sprühen zu beschreiben. Seine spätere Kunst überlebte unter anderem durch die Mischung schwarzafrikanischer Traditionsmotive mit Graffiti, Kinderzeichnungen, Comicfiguren, obszönen Wandkritzeleien und Werbeslogans. Haring wurde ebenfalls in New York durch Graffitimalereien inspiriert und begann, Kreidezeichnungen auf abgedeckten Werbetafeln in der U-Bahn zu zeichnen. Erst Jahre nachdem Haring und Basquiat ihre Arbeiten auf den Straßen gezeigt hatten, stellten sie sie in Galerien aus. Die Avantgarde−Gruppen der Situationisten, die sich selbst als Forscher betrachten, üben ebenfalls Einfluss auf einige Streetart-Akteure aus. Ihr Forschungsbereich war der städtische Raum. Sie versuchten, die Auswirkungen des Kapitalismus auf sämtliche Lebensbereiche des Menschen zu analysieren. Dabei entwickelten sie die Methode des Umherschweifens, Dérive genannt, bei der sie geradlinig den Raum durchquerten und dabei Hindernisse nicht aus dem Weg gingen, sondern sie bewusst überquerten. Verschiedene Streetartisten bewegen sich auf ähnliche Weise durch den Stadtraum, um Ideen und Orte für Aktionen zu finden oder sich einfach nur als Beobachter durch die Straßen treiben zu lassen. Der visuelle Charakter von Punk ist letztlich auch partiell in die Straßenkunst eingeflossen. Auch Punks verwendeten schon die preiswerten Reproduktionstechniken des Kopierens, um ihre Fanzines zu vervielfältigen und Plakate zu bekleben. Die Ästhetik ihrer wilden Schwarz−Weiß- Collagen taucht auch in der Straßenkunst wieder auf. Die Bewegung des Subvertising, welche das Verändern von Werbebotschaften beinhaltet, nahm ebenso Einfluss auf die Straßenkunst und umgekehrt. In Amerika ist das Ad−Busting bekannt geworden. Ihre Aktivisten verändern oder zerstören Reklame, um sie zu hinterfragen. Sie versuchen, die gleiche Sprache, die gleichen Orte und die gleichen Techniken wie diese zu nutzen. Zum Beispiel produzieren sie eine eigene Fernsehsendung und Werbespots gegen Reklame. In Paris agiert eine Gruppe, die sich »Anti−Pub−Aktivisten« nennt (Anti−Pub steht für Anti−Publicitiy). Sie gehen gut organisiert gegen Werbung vor. So stürmten im Oktober 2003 in Paris 300 Leute die Metrostationen und veränderten alle Werbeplakate mit Sprüchen und Symbolen.
CULTURE JAMING | Zwischen Streetart und »Culture Jamming« existieren Überschneidungen bei den Ideen und Techniken. Oft sind sogar die Macher die gleichen. Dennoch ist Culture Jamming keine Methode oder Klassifizierung der Streetart. Es wird an dieser Stelle als thematische Randzone vorgestellt, um einen weiteren Blickwinkel zu eröffnen. Unter dem Begriff Culture Jamming werden zunächst alle Aktionen zusammengefasst, die sich in kulturelle Kommunikation als Störfaktor einmischen, um alternative, um oppositionelle Sicht− und Lesarten zu provozieren. Die Bewegung der Culture Jammers ist eine Form von Konsumkritik. Sie setzt sich kritisch mit einem Kommunikatonssystem zur Verbreitung ökonomischer Botschaften auseinander, in dem keine Rückfragen eingeplant sind, greift also in Vorgänge ein, die reibungslos und so unterbewusst wie möglich laufen sollten. Ihre wichtigsten strategischen Mittel sind dabei die ironische Umkehrung der Verdrehung von ökonomischen Symbolen, ihre Fälschung, Verwirrung oder eine absurde Nachahmung. Dabei liegt dem Culture Jamming ein Prinzip zu Grunde, das sich als simple Dreieinigkeit zusammenfassen lässt: Aneignung, Manipulation und Wiedereinspeisung in eben jene Kanäle der Kommunikation, aus denen die kommunikativen Elemente wie Symbole, Bilder, Aussagen, Waren, Informationen etc. stammen. Culture Jamming ist eine aus ihrer Zeit heraus geborene Bewegung, keine Vereinigung oder Organisation. Ihre Akteure sind kritisch, politisch, sie agieren lokal und punktuell. Die Aktivisten verbindet eine ähnliche Geisteshaltung, sie vereint das gleiche Unwohlsein angesichts eines immer aggressiver werdenden kapitalistischen Systems, als Teil dessen sie sich wahrnehmen, in dem sie aber nicht einfach kritiklos funktionieren wollen. Ihre Absicht ist Irritation, ihre Kritik am System konstruieren sie aus der Situation. Die gemeinsame Utopie ist wohl am ehesten ein mit Sinn erfülltes Leben. Culture Jamming ist Kritik mit ästhetischen Mitteln. »Jamming« bedeutet in der Sprache der CB−Funker das Stören fremder Kommunikationen durch obszöne Bemerkungen, in der Sprache von Jazz− und Rockmusikern dagegen die spontane, kreative Bearbeitung eines vorgegebenen musikalischen Materials.Die US−Band Negativeland aus San Francisco prägte den Begriff Mitte der achtziger Jahre in Bezug auf Leute, die mit eigenen Sendern Radiosendungen stören. Seither werden verschiedene Formen einer Bewegung, die im Grunde schon seit den siebziger Jahren operiert und einem wachsenden Widerstand gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Lebens Ausdruck verleiht, unter diesem Begriff zusammengefasst. Zu ihr gehören Eingriffe wie das »Ad-Busting« und »Subvertising«, das Verfremden, Übermalen und Bekleben von Werbetafeln, oder das »Hoax« ─heißt so viel wie »blinder Alarm« und bezeichnet das Infizieren der Medienwelt durch virenartige Falschmeldungen, um deren Sensationslogik zu entblößen. Weit verbreitet sind ebenfalls das »Hacking«, zu dem Eindringen in fremde Computersysteme oder die Manipulation elektronischer Daten zählt, oder auch das »Faking«, womit beispielsweise das Fälschen von Internetseiten der Produkte gemeint ist. Culture Jammer sind keine Revolutionäre, sie bieten keine Lösungsansätze für die Probleme, auf die sie mit ihren Fingern zeigen. Culture Jammers sind der Stachel des zivilen Ungehorsams. Sie versuchen, ein Problembewusstsein zu schaffen. Das Culture Jamming sucht nicht nach einem in sich schlüssigen theoretischen Überbau, einer Reduktion der erlebten Wirklichkeit, sondern lebt vom situativen Reagieren, auf kritische Sachverhalte eben dieser Wirklichkeit. Culture Jammers spielen mit dem System, indem sie mit dessen Zeichen und Symbolen spielen. Culture Jamming ist ein Kind unserer Zeit. Wir leben in einer Zeit, in der die Oberflächlichkeit immer wichtiger wird, in einer Welt, in der das Zeichenhafte und Symbolische Werte und Wertvorstellungen bestimmt. Die Materie verliert zunehmend an Bedeutung, gesellschaftlich und wirtschaftlich relevant ist dagegen, wer die Produktion von positiv besetzten Zeichen beherrscht. Politik und Wirtschaft sind somit abhängig von einer Währung, die nicht in ihren eigentlichen Zuständigkeitsbereich fällt und die sich vor allem leicht ihrem Einflussbereich entziehen kann. Dies macht sie für Subversion und Angriffe anfälliger denn je.
Was kommt? Was geht? Was bleibt? Es lebe die Strasse! | Die Galerie ist tot. Aus und vorbei. Die Ära der blutleeren Showrooms, bei denen das Happening »Vernissage« grell jede Form von Kunst überstrahlte, geht endlich dem Ende entgegen. »Die Galerie hat ausgedient, weil, erstens, zur Vernissage jeder ohnehin nur auf die anderen Gäste schaut und ihm die Kunst schnurz und egal ist, weil, zweitens, auch der neue, immer noch zunehmende Kunstsammelrausch zu keinen weiteren Besuchern führt«, stellte Karlheinz Schmid in der »Kunstzeitung« (Mai 2006) über das »Auslaufmodell Galerie« fest. Aber wer wird dem Triptychon aus Häppchen, Schampus und Smalltalk eine Träne hinterherweinen? Seien wir doch mal ehrlich: Die Kunst verkam zum bunten Dekor für die Medici des globalen Kapitalismus, für die das Sammeln von Kunst einer Imagekampagne glich. Und nach der Vernissage sah die Galerie dann so aus: Drei drittklassige Bilder, Skulpturen, Videoloops hingen an der Wand, weil die erstklassigen und auch mal zweitklassigen Arbeiten gerade auf der Art Basel, Frieze Art Fair, Art Basel Miami Beach waren – und in der letzten Ecke saß der Galerist, Assistent, Praktikant an seinem Laptop und blickte arrogant, gelangweilt, unbeteiligt. Ist die einzige Rettung also der Staat mit seinen öffentlichen Kunstinstitutionen? Nein! »Die staatlichen oder städtischen Museen, als Institutionen gerade mal zwei Jahrhunderte jung, können im entfesselten Kunstmarkt nicht mehr um Meisterwerke mitbieten. Diese Lücke stopft die neue Sammlerschicht, die aus wohlhabenden Profiteuren der Globalisierung besteht und je nach individuellem Geschmack selbst für die museale Nobilitierung dessen sorgt, was gerade die Ateliers verlässt«, schrieb Holger Liebs in der »Süddeutschen Zeitung« (1.12.2006) über den »radikalen Bedeutungsverlust der Museen«. Wahrhaft visionäre Kunst, die gesellschaftliche Veränderungen prognostiziert und die als effektives Instrument einer symbolischen Gegenwehr funktioniert, findet heute nur noch im Off-Space statt. Also in jenen nicht-kommerziellen Kunstorten, die sich nicht um Marktkriterien und verwöhnte Sammlergeldbörsen kümmern. Dazu gehören Tankstellen (Freie Internationale Tankstelle, Berlin), Wohnzimmer (Homie, Berlin; Korridor, Berlin), Gärten (Gartenkunstnetz, Hamburg) oder eben die Straße. Die Straße ist, war und wird das einzig wirkliche freie und demokratische Medium für die Kunst bleiben. Denn sie ist Nährboden, Blutkreislauf der Gesellschaft und das ideale Experimentierfeld. Sie ist die Ader des »Abenteuerspielplatzes Stadt« – alles ist möglich mit einer Sprühdose, einem Aufkleber, einem Marker und einer Idee. Bemalt, besprüht, beklebt – belebt! Die Straße wird zur grenzenlosen Galerie, jeder kann aktiv werden, und jeder wird zum Zuschauer, zum Teil der Kunst. Ob er das nun will oder nicht. Das ist das Schöne daran, das Radikale. Und Streetart meint dabei nicht nur Graffiti: »Pieces« (großformatige Wandbilder) und »Tagging« (die Urform: Schriftzüge, Signaturen) waren nur die ersten Formen der urbanen Kunst. Heute findet sich jede nur erdenkliche Kunstdisziplin im öffentlichen Raum: Schablonen (Banksy), Mosaike (Space Invader), Aufkleber und Collagen (Obey Giant), Skulpturen (Mark Jenkins), Performances und unsichtbares Theater (Improve Everywhere) oder Formen der Kommunikationsguerilla und des Culture Jammings (politisch motivierte Kunst- und Aktionsformen, die das Ziel der Rückeroberung des Raumes anstrebt und die Okkupierung des Stadtbilds durch das Kapital boykottiert). Aber, aber: So schnell lässt sich das System nicht überlisten. Denn was denkt der clevere Sammler? Radikale Kunst der zwanziger Jahre (Marcel Duchamps Fountain) ist heute Millionen wert – wird also nicht auch die radikale, zeitgenössische Kunst der Streetartists bald Millionen wert sein? Dieser Gedanke machte Banksy zum gefeierten Held der Szene. Sein Stil: subversiv, politisch, humorvoll und fast immer illegal. Seine Bilder hingen im Pariser Louvre, der Londoner Tate Gallery und im New Yorker Museum of Modern Art – unfreiwillig. Banksy verkleidete sich als Rentner, brachte seine Werke in der Plastiktüte mit und hängte sie einfach selbst auf. Im MoMA blieb sein Gemälde drei Tage lang unbemerkt, und in der Tate flog der Schwindel erst auf, als das Bild von der Wand fiel, weil der Klebstoff nachließ. In Post-Graffiti-Aktionen verzierte er die Straßen mit knutschenden Bobbies oder Ratten mit Raketenwerfern, im Londoner Zoo malte er »Fisch langweilt uns« in das Pinguin-Gehege, und in seiner letzten Aktion bearbeitete er das Debütalbum von Paris Hilton. Seit Jahren bricht er alle Codes, widersetzt sich den Regeln des Kunstmarktes – und wird dafür umso heftiger von ihm geliebt. Er ist der junge Wilde, der die Balance zwischen Straße und Galerie halten kann: Er produziert weiterhin für die Straße und verkauft einige seiner Werke auf Leinwänden – zu unglaublich ansteigenden Preisen. Aber was ist die Folge? Eine Streetart-Galerie (Vicious, Hamburg; Magda, Paris; Lazinc, London)! Eine Streetart-Ausstellung (Backjumps, Berlin)! Ein Streetart-Sammler (Rik Reinking)! Doch Streetart ohne Straße ist wie Latte macchiato ohne Milch. Wenn sie von ihren Wurzeln getrennt wird, welkt sie schnell und fängt an zu stinken. Werke, die auf der Straße wirken, weil sie einen Moment der Überraschung provozieren, weil sie in den Stadtraum intervenieren und mit Symbolen spielen, werden in der Galerie wieder zum Dekor. Der Raum klaut ihnen die Pointe. Und damit schließt sich der Kreislauf: Die Galerie hat sich selbst künstlich beatmet – und der einst wilde Straßenköter wird wieder handzahm, in den Käfig geschlossen. (Arte. Alain Bieber, 5. Dezember 2006)
HANDLUNGSSPIELRAUM | Es gibt viele Möglichkeiten, subtile Raumeingriffe vorzunehmen. Moderne technische Produktionsmittel bieten neue Arten der Vervielfältigung. Kopiertechniken, Computer mit speziellen Grafikprogrammen und Drucktechniken wie Digital− und Siebdruck sind für jeden zugänglich und erschwinglich geworden. Trotz der vielen Möglichkeiten im Bereich der Massenproduktion legen viele Akteure Wert auf Handgemachtes, auf Unikate. Den Entstehungsprozess der eigenen Arbeit vom Anfang bis Ende zu verfolgen ist vielen wichtiger als die Präsenz durch massenhaften maschinell Angefertigtes. Die Techniken, die dabei zum Einsatz kommen, sind den Bedingungen der Straße angepasst. Einige haben sich über die Jahre hinweg bewährt und wurden weiterentwickelt. Andere unterliegen gewissen Techniken, manche sind sogar zum typischen Merkmal eines Künstlers geworden.
CUT-OUTS | Ein ganzer Ort wird in ein Bild verwandelt. Die heutigen Massenmedien, wie Fernseher, Internet, Werbetafeln, Zeitschriften und Bücher, übermitteln uns visuell Informationen fast ausschließlich über das rechteckige Format. Unsere Augen haben sich dabei so an den rechteckigen Ausschnitt gewöhnt, dass alles, was aus diesem Rahmen fällt, ungeahnte Wirkungen erreichen kann. Viele Akteure der Street-Art-Szene schneiden ihre Motive aus, bevor sie diese auf den Oberflächen der Stadt inszenieren. Zusammen mit der Architektur entwickeln sie dadurch eine ganze neue Wirkungs- und Aussagekraft, eine eigene Welt. Dies ist ein wesentliches ästhetisches Merkmal der Streetart. Das ausgeschnittene Motiv, das durch diese Methode seinen weißen Hintergrund verlässt, sucht sich geklebt einen neuen, nämlich an der Wand. Damit fügt es sich in das Stadtbild ein und wirkt nicht aufgesetzt. Figur und Grund beginnen, eine Beziehung miteinander einzugehen. Diese Methode wird von den Medien als Cut−out (engl. Ausschnitt) betitelt. Bei den Machern selbst sind die Bezeichnungen »umschnittene Plakate« oder »ausgeschnittene Plakate« gängiger. Durch diese Technik unterscheidet sich Straßenkunst maßgeblich von der Werbung im gleichen Raum. Während sich diese meistens im rechteckig gedruckten DIN-Format auf dafür vorgesehenen Trägern befindet, erlaubt die Technik des Ausschneidens dem Strassenkünstler, sich von der Werbung abzugrenzen, indem seine Arbeiten die üblichen Sehgewohnheiten herausfordern. Akteure behaupten, dass dadurch ein ganzer Ort in ein Bild verwandelt wird. Es sei noch reizvoller, als einfach nur ein rechteckiges Bild an die Wand zu kleben. Man kann ganze Ansichten verändern, indem eine Figur z.B. aus einem Hauseingang schaut. Diese ausgeschnittenen Figuren tanzen auf Sockeln, spielen mit Strukturen an der Hauswand. Der Künstler kennt seine Umgebung genau. Er studiert die Wände und sucht nach dem optimalen Hintergrund für seine Motive. Das gesamte Bild ist erst fertig, wenn das ausgeschnittene Motiv angebracht ist. Erst dann entwickelt es seine volle Kraft und Einzigartigkeit. Durch verschiedene Hintergründe werden die Bilder zu einmaligen Unikaten.
DAS THROW-UP | Kombination von Style und Schnelligkeit. Throw-up kommt aus dem Englischen (sich erbrechen) und bezeichnet eine Styleart in der Writing/ Graffiti-Subkultur, die sich in den Anfängen der Entwicklung von Graffiti in New York etablierte und durchsetzte. »A name painted quickly with one layer of spray paint and an outline« (aus subway art, 1984). Ein Throw-up ist ein Wort, welches mittels der Dose innerhalb einer sehr kurzen Zeit im Verhältnis zu anderen Styles auf einem geeigneten Untergrund »gezogen« wird. Gezogen deshalb, weil entweder ein Buchstabe oder sogar mehrere bis alle Buchstaben in einer Linie durchgezogen werden, ohne die Dose dabei abzusetzen. Diese Art, Buch-staben zu malen, entwickelte in der Geschichte des Writing eine völlig eigene Ästhetik. Durch Schnelligkeit, Spontaneität und sofortiges Umsetzen der Gedanken kann sich diese Formensprache entfalten. Es gibt stark sichtbare Unterschiede in der Ausführung. Ein Writer, der sehr geübt in diesem Bereich ist, kann es schaffen, in wenigen Sekunden eine absolute Perfektion innerhalb seines Styles zu erreichen. Oft sind mehrere Jahre Entwicklung notwendig, um dorthin zu gelangen. Aber auch ein Anfänger ist durchaus in der Lage, durch Spontaneität, Witz und Lockerheit einen guten Flow zu erreichen. Throw-ups erfreuen sich heute immer mehr Beliebtheit. Das hat mehrere Gründe. Zum einen werden wenige Dosen benötigt, zum anderen spielt die Zeit eine große Rolle. Vor allem in Großstädten, wo Quantität oft wichtiger als Qualität ist, scheint diese Zeitsparvariante von Vorteil zu sein. Die Formensprache ist dennoch sehr unterschiedlich. Im Kontrast stehen die Linien der Dose (Outline) und die Flächen des Styles (Fill-in oder Oberfläche der Architektur). Viele Throw-ups sind eher rund als eckig und balkig, denn durch das Verlassen der Balkenphysik wird der Buchstabe schneller und lockerer definiert. Dadurch wirkt er aufgeblasen, leicht und verspielt, wodurch oft ein Charakter entsteht, den man von Comicfiguren her kennt. Man kann sogar sagen, dass die Buchstaben oft zu Spielfiguren innerhalb des Styles werden.
DER PÄCKCHENAUFKLEBER | In jeder noch so kleinen Filiale der Deutschen Post sind Päckchenaufkleber zu finden. Ein Service, den viele Streetart-Akteure dankend annehmen. Ungeahnte Auswirkungen zog dieser kleine Sticker durch seine Umnutzung mit sich. In Deutschland hat er mittlerweile Kultstatus erreicht und ist zum beliebtesten Sticker unter den Machern geworden. Gründe dafür sind seine Klebkraft und Größe. Diese Eigenschaft und Verfügbarkeit in jeder Stadt sind ausschlaggebend für die extreme, massenhafte Verbreitung dieses Materials. Seit 2003 ist eine Flut dieser Päckchenaufkleber durch die Straßen vieler Städte geschwappt. Der Päckchensticker erwies sich als ideales Medium für individuelle Zeichensetzung. Um die Motive auf die Päckchenaufkleber zu übertragen, arbeiten die Akteure mit den verschiedenen Techniken. Angefangen beim Magic Marker, über Schablonen, wasserfeste Farbstifte, Stempel bis hin zum Laser- und Siebdruck wird alles verwendet, was sich eignet, um seine Idee zu verkleben. Dabei bietet der kleine Träger aufgrund seiner unauffälligen Größe genügend Handlungsspielraum. Er ist lediglich, wie alle Sticker, von dem Untergrund abhängig. Er kann nur auf Oberflächen geklebt werden, die längeren Halt versprechen. Zu den beliebtesten Stellen zählen Regenfallrohre, Schaltkästen, Laternenpfähle, Ampeln, Schaufensterscheiben, Automaten, Marmorwände, Briefkästen, Bautüren und Schilder. Mittlerweile sind die Städte überfüllt mit diesem gelb-schwarz-grünen Sticker. Durch seine immer gleiche Farbgebung, Form, Größe und Typografie ist ein hoher Wiedererkennungswert gegeben. Nicht zuletzt durch die subversive Nutzung im städtischen Raum entwickelte dieses Medium eine eigenständige Kraft und Dynamik, fernab von seinem vorgesehenen wirtschaftlichen Gebrauch.
KREIDEZEICHNUNGEN | Kreide ist wohl mit Abstand die harmloseste Variante, um seine Zeichen in die Oberfläche der Stadt einzulassen. Das Material selbst besteht aus der Schale fossiler Tiere und ist ein feinerdiger, weißfarbener Kalkstein. Somit ist es wohl auch das natürlichste Material, umweltfreundlich und ökologisch abbaubar. Man kann also mit reinem Gewissen Kreidezeichnungen im städtischen Raum hinterlassen. Die billigsten Varianten sind die Tafelkreide und die Straßenmalkreide. In jedem gut sortierten Billig- Ramsch-Laden ist sie erhältlich. Des Weiteren gibt es noch Pastellkreide, Ölkreide usw. im Künstlerbedarfsladen. Aber diese sind auf die Dauer zu teuer. Der Vorteil bei diesen Kreiden ist wiederum die große Auswahl an Farben. Die Tafelkreide oder die Straßenmalkreide gibt es in verschiedenen Pastelltönen. Für Schwarz eignet sich Zeichenkohle. Kreide hat eine lockere, unkonkrete Linie. Ihre Sprache ist dadurch einfach, kindlich und unschuldig. Genau diese Konnotation macht sie zu einem gesellschaftlich legitimierten Mittel für den Eingriff in den Stadtraum. Man kann sogar beruhigt mit Kreide arbeiten, ohne sofort mit einer Verhaftung rechnen zu müssen. Kreide kann durch die Größe immer mit sich geführt werden, um bei einer passenden Gelegenheit nebenbei und spontan eingesetzt zu werden. Wichtig bei dem Umgang mit Kreide ist der Untergrund, auf dem man arbeitet. Rostige Flächen eignen sich genauso gut wie glatter Putz, Holzzäune, Backsteinfassaden, Asphaltstrassen und Gehwegplatten. Ein sehr beliebtes Kreidemotiv ist das Nachziehen der Konturen von Personen. Diese Schattenzeichnungen findet man in fast jeder Stadt.
ROLL-ONS | Im Gegensatz zur Kreidezeichnung ist das so genannte Roll-on eine Maltechnik, die äußerst haltbar und flächendeckend ist. Mittels Farbrolle und Fassadenfarbe wie das Motiv dabei an die Wand gerollt. Daraus ergibt sich eine charakteristische Ästhetik, die sich von der des traditionellen Writings abhebt. Vor allem in São Paulo ist diese Technik sehr populär. Diese Stadt ist regelrecht übersäht mit derartigen Schriftzeichen. Von dem riesigen Skyscraper hinunter bis in die kleinen Gassen sind die Wände mit Roll-ons tätowiert. Dort zählen vor allem die Stellen, an denen die Tags angebracht werden. Kein Haus ist zu hoch, um sich nicht von ihm herunterzuseilen und seinen Namen daran zu rollen. Je gefährlicher die Stelle, umso mehr Fame erntet der Schreiber. Diese Bewegung existiert in São Paulo schon genauso lange wie das Writing in New York und hat sich dort seit den siebziger Jahren völlig eigenständig entwickelt. Auch in Deutschland, vor allem in Berlin, erfreuen sich Roll-ons seit Anfang dieses Jahrtausends großer Beliebtheit in der Streetart- und Writing- Szene. Sie werden teilweise noch höher gemalt als die schon riesigen Silberbombings. Gerollt wird nicht nur von Dächern hinunter auf Fassaden. Sogar ganze Häuser werden mit Megazeichen überzogen. Wie die Logos der Weltmarken prangen die Namen der Künstler und Crews so über der Stadt. Mit einer Teleskopstange verlängert, kann man mit einer Farbrolle meterhohe Bilder und Namen malen, eine Möglichkeit die mit einer Sprühdose nicht oder nur kaum besteht. Die Ästhetik der gerollten Bilder besticht vor allem durch eine klare Balkenstärke bei Buchstaben und durch Drips (laufende Nasen), die durch die flüssige Farbe entsteht. Besondere Beliebtheit erfreut sich das »Schwarz der Pechmarie«, wie es Künstler betiteln. Bitumen heißt es in der Fachsprache. Dieser Dachlack ist ein Wasser abweisender, gut deckender, lösungsmittelhaltiger und vor allem tiefschwarzer Anstrich, der nur sehr schwer wieder vom Mauerwerk zu entfernen ist. Eine konsequente Bitumen-Serie brachte A:Gähn in Berlin mit seinem Rollschriftzügen an die Wände. Immer und immer wieder rollte er das Wort »A:Gähn«.
DAS POCHOIR | Das Sprühen von Schablonen ist eine sehr reizvolle und aufwendige Technik. Durch das direkte Aufsprühen auf einer Mauer kann ein intensiveres Verschmelzen von Hintergrund und Motiv erreicht werden, als es bei ausgeschnittenen, geklebten Motiven der Fall ist. Schablonensprühen ist eine alte, immer wieder gerne verwendete Reproduktionstechnik. Die hierdurch entstandenen Motive werden heute als Stencils (engl. Schablonen), Pochoirs (franz. Schablone) oder Schablonengraffiti bezeichnet. In den achtziger Jahren wurde das Pochoir durch den Künstler Blek Le Rat in Paris geprägt. Nachdem er Anfang der achtziger Jahre mit seinen lebensgroßen Figurenschablonen viele andere Menschen inspiriert hatte, kam es dort zu einem regelrechten Boom der Pochoir-Technik. Je nach Motiv ist die Herstellung einfach und schnell bis zeitaufwendig und kompliziert. Je nachdem, wie oft man die Schablone benutzen möchte, kann man wählen zwischen Papier, Pappkarton, Kunststoff und dünnem Aluminium. Das Motiv wird auf das Material mittels Stift gezeichnet oder gedruckt und aufgeklebt. Mit einem Cutter, Skalpell, einer Schere oder Rasierklinge werden die erforderlichen Flächen Stück für Stück ausgeschnitten. Der Karton bzw. das Papier wird somit nach und nach zur Schablone. Sehr aufwendige Motive erfordern etwas Geduld beim Schneiden, aber das Reproduzieren macht dann umso mehr Spaß. Das fertige Pochoir ist die Grundlage für weitere Arbeitsschritte, zum Beispiel das Übermalen oder UÅNbersprühen der ausgeschnittenen Fläche an einem geeigneten Ort. Dies kann direkt auf der Wand oder auf einem Trägermaterial geschehen. Geeignet hierfür sind Aufkleber und dünnes Papier, da sie eine längere Haltbarkeit an der Wand versprechen. Diese Methode ist seit ein paar Jahren sehr beliebt, weil sie legitimer wirkt. Aber durch das direkte Sprühen auf eine Wand verschmilzt das Motiv mit seinem Untergrund und nimmt dadurch die vorhandene Oberflächenstruktur an. Es fügt sich damit besser in die bestehende Umgebung ein, weil kein weiteres Material dazukommt außer der Farbe selbst. Es ist, als bedrucke man die Wände der Stadt wie die Seiten eines Buches. Die Leute halten für einen kurzen Moment inne und lesen in den Bildern der anonymen Künstler. Mit der Zeit verändert sich das Motiv auf der Wand. Die Sonne bleicht es aus, ein Stück Mauer platzt ab, eine weitere Schablone kommt dazu, ein neuer Anstrich schlägt wieder eine leere Buchseite auf.
LED-THROWIES | Graffiti waren gestern, die neueste Form der Street-Art sind so genannte LED-Throwies. Die Pioniere der Leucht-Kunst in Berlin und New York. »Die Herstellung« Die Herstellung der High-Tech-Freudenspender ist kinderleicht. Batterien, ein Magnet und eine winzige LED-Leuchte reichen. Die Bestandteile werden mit einem Klebestreifen verklebt, und fertig ist das Throwie für alle Metalloberflächen der Stadt. Die Throwies kosten zwischen 25 Cent und einem Euro. Das »Graffiti-Research-Lab« In New York, wo der Trend entstand, geht man viel weiter. Man könnte meinen, dass in der Stadt der Milliarden Lichter keine weiteren Leuchten notwendig sind. Doch gerade hier experimentiert das »Graffiti-Research-Lab« mit neuen Arten von Graffiti und Streetart. Seine Mitglieder entwickelten die Mini- Wurfgeschosse. Wie man die Throwies einsetzt, zeigten sie in einem Clip, untermalt mit der Musik von Jose Gonzalez. Das Demo-Video stellten sie online. Einmal im Internet, lösten die elektronischen Glühwürmchen eine Lawine des Jubels aus. »LEDs — das Straßen-Medium der Zukunft?« Binnen Wochenfrist erreichte die simple Idee Menschen auf der ganzen Welt. Dank Verlinkung und Weblogs sind die Throwies in London, Hamburg und Berlin angekommen. Die Begeisterung für die Throwies sorgt vor allem in New York für weitere Entwicklungen. Inzwischen gibt es auch Künstler, die mit den Leuchtmagneten subversive Botschaften transportieren. Nach dem 11. September sind solche Aktionen eine gefährliche Gratwanderung. Die Sicherheitsgesetze sind verschärft worden, und genau dagegen protestieren die LED-Aktivisten. So machten sie sich zum Beispiel mit LEDs über Vize-Präsident Dick Cheney lustig, nachdem der einen Jagdfreund angeschossen hatte. LEDs — das Straßen-Medium der Zukunft? New Yorker Künstler wie Resistor arbeiten daran. Mit einem LED-Transparent zieht er durch die Straßen und propagiert die Idee. LEDs — die poetische Form der Graffiti (artnet. Kobalt 04.05.2006) um nur mal einzwei zu nennen.

STREETARKTEURE
The London Police, (TLP) | The Netherlands Get up wherever and whenever possible www.thelondonpolice.com The London Police, ein in Amsterdam ansässiges Künstler-Kollektiv, arbeitet seit vier Jahren gemeinsam an der weltweiten Verbreitung ihrer Urban Art. Und das äußerst erfolgreich. Die Wahrscheinlichkeit, eins der TLP-Graffiti gleich neben der eigenen Haustür zu finden, ist relativ hoch. Die Crew greift bei ihrer Arbeit auf die klassischen Werkzeuge und Medien der Streetart zurück: Sprühdose, Malerfarbe, Walze, Poster, Marker und Aufkleber. Dennoch hat The London Police durch seinen leicht wiedererkennbaren, reduzierten Charakter mit dickstrichigem Aussehen heutige Graffiti einen gewaltigen Schritt vom codierten Tagging hin zu einem universellen Logo- und Corporate-Identity-Design geführt.
Faile | Kanada, USA und Japan www.faile.net Faile ist eine Gruppe von drei Streetart-Aktivisten aus Kanada, USA und Japan. »Wir tauschen unsere Sketchbooks und unsere Ideen aus, um etwas zu gestalten, was niemand anders zuvor kreiert hat. Wir arbeiten zusammen wie eine Band; oder wie ein DJ: mischen einen Song mit einem anderen und lasse diese ineinander einfließen. Das ist, was uns ausmacht und unser Denken über unseren Style interessant macht. Wir lieben Streetart, das Umherreisen zusammen mit Freunden und das Bombing. Street Art ist mehr ein persönlicher Ausdruck. Wir glauben an die Schönheit der Anonymität, solange die Leute es ausleben und fühlen, dann finden wir es reizvoll.« Das Trio arbeitet auf der Straße hauptsächlich mit Postern, Spraydosen und Stencils.
Doma Collective | Buenos Aires, ARG Understanding the world as a big lab helps to detect the reaction to each action www.doma.tv Gewalt, Kontrolle, Überwachung, Massenmedien, High Tech, Konsum, Großkonzerne etc. verursachen ein enormes Informations-Chaos und audiovisuelle Verunreinigung. Doma, eine Gruppe von argentinischen Künstlern, die ihre Anfänge 1998 in der Streetart hatten, arbeitet mit all diesen Elementen — und fügt einen Schuss Ironie in den Mix. Während ihrer anfänglichen Arbeit mit Guerilla-Kunst und absurden Kampagnen schuf Doma verschiedene Konzepte und Charaktere. Diese erwachten im Laufe der Jahre in Animationen, bewegten Grafiken, allmählich zum Leben und wurden zum Hauptfokus der Gruppe. Mittlerweile muss sich die in Buenos Aires und Miami arbeitende Gruppe die Zeit zwischen ihren freien Kunstprojekten und Aufträgen für Kunden wie Latin MTV, Disney oder Fox einteilen.
Banksy | London UK Banging your head against a brick wall www.banksy.co.uk Seine Schablonengraffiti (so genannte »Pochoirs«) sind in London sehr bekannt. Er ist jedoch auch schon weltweit in anderen Städten aktiv geworden. Er bemüht sich, seinen Namen geheim zu halten, deshalb erscheinen seine Bücher unter dem Namen »Robin Banksy«. Banksy bedient sich der Taktiken der Kommunikationsguerilla und der Ad-Busters, um eine alternative Sichtweise auf politische und wirtschaftliche Themen zu bieten. Er verändert und modifiziert dabei oftmals bekannte Motive und Bilder. Seine vereinfachten Darstellungen widersprüchlicher Elemente zeigen, auf einer Schablone vereint, Polizisten mit Smiley- Gesichtern, ein Mädchen, das innig eine Bombe umarmt, oder einen Geparden, der aus seinem Käfig in Form eines Barcodes ausbricht. Seine Werke sind somit nicht länger reine Provokation, sondern beinhalten konkrete Kritik an sozialen Zuständen und moralischen Vorstellungen der Gesellschaft. So sind führende Köpfe aus der Politik ebenso wie deren politische Entscheidungen (wie etwa die Beteiligung Großbritanniens am Irak-Krieg) nicht selten als Motive von diversen Wänden. Banksy illustriert das, wofür andere Worte wie »Entfremdung von der Natur«, »Konsumgesellschaft« oder »demokratische Freiheit« verwenden. Neben seinen Graffiti hängt Banksy auch eigene Arbeiten ungefragt in den weltgrößten Museen auf. »[…] Bitte malen Sie hier nicht drüber!›Wenn ein Banksy-Graffiti an Ihrer Hauswand auftaucht‹, erklärte der britische ›Observer‹ unlängst seinen Lesern, ›sollten Sie es nicht übermalen, es hebt den Wert Ihrer Immobilie ‹[…]« (Dirk Vongehlen, jetzt.de 2007)
Shepard Fairey - Obey Giant | Los Angeles, USA The Medium is the Message www.obeygiant.com Begonnen hat alles 1989 mit einem Sticker des Ringers André Roussimoff. Shepard Fairey, Strassenkünstler und Initiator des Projekts, später als »Obey Giant« bekannt, rückt eine schwarz-weiße Grafik mit der sinnfreien Aufschrift »Obey Giant has a Posse« in den Mittelpunkt seiner Propagandakampagne. Ein weltweiter Feldzug, in dem weder Produkt noch Marke erkennbar sind. Omnipräsenz ist der Schlüssel für Shepards Erfolg. Schätzungsweise 400.000 Plakate und Sticker wurden weltweit in Umlauf gebracht. Fairey selbst bezeichnet seine Aktion als soziales Experiment in Anlehnung an Heideggers Theorie der Phänomenologie (Lehre von Erscheinungen): »Das Medium ist die Botschaft«. Um nicht ins Visier der Polizei zu rücken, bleiben andere Streetartisten wie Banksy lieber anonym. Aber Shepard Fairey hat etwas Hintergründiges in seinen Bildern ─ es geht ihm nicht in erster Linie um die Kunst, sondern darum, eine Nachricht zu verbreiten. Weil man diese auf Basis seiner Poster allein nicht verstehen würde, ergänzt er seine Kampagne mit Erklärungen in Wort und Schrift ─ ziemlich untypisch für einen Strassenkünstler. Hier ein Beispiel für eine dieser Erklärungen: »Ein Großteil meiner Arbeit ist eine Reaktion auf die Machtlosigkeit und den Mangel an Mitspracherecht normaler Menschen. Ich mache das nicht nur, weil es mir Spaß macht, ich will eine Kettenreaktion hervorrufen. Ich will, dass die Leute meine Arbeiten sehen und sagen: ›Wow, ich könnte auch so was machen.‹ Die Idee ist, unser Umfeld nicht einfach hinzunehmen, sondern ein eigenes zu schaffen. Und wenn ich nur einen einzigen Menschen beeinflussen kann, dann ist das immer noch besser, als den ganzen Tag rumzusitzen.« Shepard Fairey glaubt weiterhin an die politische Aussagekraft seiner Kunst – gegen Bush und gegen blinden Gehorsam. Graffiti sind und bleiben die wichtigste Ausdrucksform dafür, da sie basisdemokratisch und für alle zugänglich sind: Wacht auf, schaut her, denkt nach! »Ich bin kein Anarchist«, fügt Fairey hinzu. »Ich bezweifle nicht, dass Regeln existieren müssen. Ich hinterfrage sie nur.«“ Urban Blooz | Bordeaux, FR www.URBLOOZ.FREE.FR Urban Blooz ist ein Kunstprojekt, welches im Jahr 2003 aus dem Boden gestampft wurde. Das Projekt sowie die Kunst umfasst sich mit dem öffentlichen Zwischenräumen Mittels Werbetafeln. Die Poster die auf diesen Tafel gezeigt werden sind Unikate, da die Motive auf dem jeweiligen Poster dem entsprechen was eigentlich im Hintergrund der Tafel verdeckt bleibt, bzw. der Betrachter normalerweise durch die Plakatwand nicht sehen kann. Es ist ein Spiel mit den Passanten, der Strasse und der Umgebung. Space Invader | Paris, FR Urban Invasion Detected www.space-invaders.com »Space Invader« war damals der Hit in allen Spielhallen. Und auch auf dem Atari 1200 war es eines der Bestseller. Reihe nach Reihe rückten die Invasoren näher. Nun lag es uns, die Erde zu verteidigen, denn die Aliens waren überall. Ein anonym agierender französischer Künstler hat unter dem Pseudonym »SF Invader« 1999 damit begonnen, die ganze Welt mit seinen »Space Invaders« zu erobern. Die Bilder sind dem gleichnamigen Computerspiel aus dem Jahre 1978 nachempfunden. »Der SF Invader verbreitet die Icons des Arcade-Games im öffentlichen Raum als Keramik-Mosaiken. Er hinterlässt seine auffälligen Spuren an Häuserwänden, Schildern und Brücken. Diese Besetzung des städtischen Raums erstreckt sich weltweit von Europa bis Asien«, heißt es auf der Internetseite »Netzspannung.org«.
Ben Frost | Sydney, AU Ben Frost is dead www.benfrostisdead.com Balance zwischen Straße und Galerie. Ben Frost ist ein darstellender und visualisierender Künstler aus Australien, er ist wie die Rache der Popkultur, bunt bis zum Abwinken, nervtötend plakativ und überfrachtet sowie bis auf die Knochen radikal und reduziert. Der Künstler provoziert mit seinen Bildern durch eine Aneinanderreihung von bekannten Abbildern aus der Welt der Unterhaltung, Politik und Werbung, welche oft radikal umstrittenen Reaktionen bei den Kritikern hervorrufen. Mark Jenkins | Washington D.C., USA Let no man scare you www.xmarkjenkinsx.com Haltet die Augen offen, Bürger, Mark Jenkins treibt sein Unwesen! Ob in Los Angeles, Washington, New York oder dem fernen Brasilien, wo der Streetartkünstler geht, hinterlässt er seine Geisterwesen. Fast alle aus Packklebeband gefertigt, platziert er sie im urbanen Raum und schafft es damit, einer einfachen Straßenecke, einer Laterne, ja einer Pfütze neuen Sinn und Kontext zu geben. Er spielt mit den vertrauten Dingen, mit unserer Sehgewohnheit und verdreht sie ins Lächerliche, manchmal sogar ins Beschämende. Jenkins interessiert das Alltägliche, wie Mensch damit umgeht und wie er es ad absurdum führen kann. Wie reagiert das Paar auf den Mann, dessen Kopf in der Wand verschwindet? Was geht in ihnen vor? Es ist faszinierend, bei den vorübergehenden Menschen die stereotypen Gedanken an einen Bettler anzunehmen und wie sie durch Entdeckung des kopflosen Details ins Straucheln geraten. Ähnliches gilt für die falschen Enten, die Jenkins in Washington aussetzte. Dieser in jedem Menschen so tief verwurzelte Anblick von Enten im Stadtraum rutscht durch die offensichtliche Deplatzierung aus der Fassung. Man schaut zweimal, man zweifelt, und wahrscheinlich hofft Mark Jenkins auch, dass solche ungewohnten Eindrücke uns mehr sensibilisieren — für die Straße, unsere Umwelt und die Menschen.
Swoon | New York, USA »I want to be a part of the city that I live in« Die New Yorker Künstlerin Calendonia Curry aka Swoon ist neben ihren Postern, Stickern und Linoleumdrucken vor allem für ihre aufwendigen Scherenschnitte »berühmt« (und berüchtigt) geworden, die man auch seit einiger Zeit auf Berliner Wänden bewundern kann. Als Teil des Toyshop-Kollektivs organisiert sie in New York seit Anfang 2003 Community-orientierte Events, wie z.B. spontane Straßenfeste, überdimensionale Schachspiele, in denen Menschen zu Spielfiguren werden und ganz Manhattan das Schachbrett bildet; aber auch internationale Kunst-Austauschprojekte wie das »Indivisible Cities Project«.

QUELLENVERZEICHNIS
Literatur Quellenverzeichnis Pictoplasma The Character Encyclopaedia Peter Thaler Die Gestalten Verlag; Auflage: 2 (September 2003) ISBN 3899550218 The Art of Rebellion 2 The World of Urban Art Activism: No. 2 Christian Hundertmark Gingko Press; Auflage: 1 (April 2006) ISBN 398099094X Street Art Die Stadt als Spielplatz Daniela Krause, Christian Heinicke Tilsner Verlag; Auflage: 1 (2003) ISBN 3865460402 Street-Art Berlin Kunst im öffentlichen Raum Bernhard van Treeck Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag; Auflage: 1 (August 2002) ISBN 3896021915 Supply & Demand The Art of Shepard Fairey Shepard Fairey Gingko Press; Auflage: 1 (Juli 2006) ISBN 1584232447 Was macht eine Stadt urban? Zur Stadtkultur und Stadtentwicklung Walter Siebel Universität Oldenburg; Auflage: 1 (1992) ISBN 3814210611 Die zweckentfremdete Stadt Wider die Zerstörung des öffentlichen Raums Andreas Feldtkeller Campus Verlag GmbH; Auflage: 2 (1995) ISBN 3593349213 Backjumps The Live Issue #1 Stéphane Bauer Bezirksamt Kreuzberg v. Berlin Verlag; Auflage: 1 (1994) ISBN 3980759210 Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen Jean Baudrillard aus dem Französ. ü bers. von Hans-Joachim Metzger Berlin Merve Verlag; Auflage:1 (1978) ISBN 3-920986-98-9 Backjumps The Live Issue #3 Stéphane Bauer Bezirksamt Kreuzberg v. Berlin Verlag; Auflage: 1 (2001) ISBN 3980759210 Subway Art Martha Cooper, Henry Chalfant Thames & Hudson; Auflage: Reprinted Ed (31. Juli 1984) ISBN 0500273200 Internetquellenverzeichnis In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. Dezember 2006 um 12:55 Uhr geändert. UTC. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/ Zahm (Abgerufen: 25. Mai 2007 11:26 UTC) In: artnet, Künstlerprofil Magazin. Bearbeitungsstand: 5. Dezember 2006. UTC. http://www.artnet.de/magazine/features/bieber/bieber12-05- 06.asp (Abgerufen: 25. Mai 2007 17:35 UTC) In: jetzt.de, jetzt – das Magazin, Kultur. Bearbeitungsstand: 10.12.2006 19:00. UTC. http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/350607 (Abgerufen: 25. Mai 2007 11:10 UTC) In: artnet, Künstlerprofil Magazin. Bearbeitungsstand: 03.05.2006. UTC. http://www.arte.tv/de/kunst-musik/tracks/20050106/ 1197122,CmC=1197150.html (Abgerufen: 25. Mai 2007 14:30 UTC) In: wordpress, Der Austragungsort, Spazieren gehen mit Mark Jenkins. Bearbeitungsstand: 14. Februar .2007. UTC. http://swelements.wordpress. com/2007/02/14/spazieren-gehen-mit-mark-jenkins/ (Abgerufen: 25. Mai 2007 17:30 UTC) In: arte.tv, Tracks. Bearbeitungsstand: 04.05.2006. UTC. http://www.arte. tv/de/kunst-musik/tracks/1197150.html (Abgerufen: 01. Juni 2007 14:30 UTC) In: netzspannung.org, database. Bearbeitungsstand: 07. Juni 2007. UTC. http://netzspannung.org/cat/servlet/CatServlet?cmd=netzkollektor&subC ommand=showEntry&forward=&entryId=139215§ion=&version=pri nt&lang=de (Abgerufen: 06. Juni 2007 12:13 UTC)